Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 15)
- Language
- German
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R. Hoeniger, Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter. 79 despotisch gewordenen Hierarchie und der allgemeinen Rohheit eines halbbarbarischen Volkslebens" zuschreibt (S. 323), stellt er die beiden Sätze entgegen: daß erstens „gerade die Päpste bei Judenverfolgungen weit mehr gezügelt als gespornt haben" und daß zweitens „in der ersten rohern Hälfte des Mittelalters die Juden regelmäßig besser behandelt worden sind, als in der zweiten sonst mehr gebildeten. Man könnte sagen, die Judenpolitik verhält sich im Mittelalter fast umgekehrt, wie die sonstige wirtschaftliche Cultur" (S. 324). Roscher erklärt diese Erscheinung aus der Stellung der Juden zum Welthandel. Er betont ihre Vermitteluug des Uebergangs antiker Bildungselemente des Verkehrslebens an die neueren Völker. Die Juden sind demnach Jahrhunderte lang die kaufmännischen Vormünder des Abendlandes gewesen. Daran schließt sich die Reflexion: „jede Vormundschaft wird lästig, wenn sie länger dauern will, als die Unreife des Mündels, und ganze Völker emancipiren sich nur unter Kämpfen von der Bevormundung durch andere Völker" (S. 333). Die ersten Judenverfolgungen des Mittelalters bringt Roscher aus diese Weise in unmittelbaren Zusammenhang mit dem ersten Ausblühen des nationalen Handelsstandes. In Deutschland fallen dieselben folgerichtig in die Zeit der Kreuzzüge. Daß Roscher gerade diese Zeit, namentlich das 12. Jahrhundert und den Anfang des 13. als eine Periode mächtigsten wirtschaftlichen Aufschwunges bezeichnet, wird keinem Widerspruch begegnen. Er erinnert daran, daß, wo sich das Heranreifen eines nationalen Bürgerthums und Kaufmannsstandes früher oder später einstellte, als im Zeitalter der Kreuzzüge, regelmäßig auch die Judenverfolgungen früher oder später ausgebrochen sind (S. 335). In Byzanz, in Italien, im südöstlichen Frankreich zeigen sich schon in früher Zeit Spuren von Bedrückungen. Der Osten Deutschlands dagegen hat der mittelalterlichen Handelsarbeit der Juden viel länger bedurft, als der wirtschaftlich höher entwickelte Westen. In Polen vollends sind sie noch im 14. Jahrhundert, zu einer Zeit, da sie in Frankreich überhaupt nicht mehr geduldet wurden, da in Deutschland ihre Stellung auf das tiefste Niveau herabgesunken war, von den polnischen Königen ausdrücklich ins Land gerufen worden. Geradezu ein historisches Gesetz erkennt Roscher in der hier betrachteten Erscheinung, daß nämlich die Völker, welche die Anfänge ihres Handels von einem fremden höher kultivirten Stamm besorgen lassen, sobald sie selbst zu einer nationalen Handelsfähigkeit reif werden, sich oft unter heftigem Kampf von solcher Vormundschaft zu emancipiren suchen (S. 341). Er führt eine Reihe von Analogien aus der Geschichte an, von denen ich als die bekanntesten und zugleich schlagendsten seine Bemerkungen über die Stellung der Phönikier gegenüber den Griechen und die Schicksale der hanseatischen Factoreien in Skandinavien und an der Ostküste des baltischen Meeres hervorheben möchte. Das historische Gesetz, welches hier statuirt ist, wird man ohne Weiteres anerkennen. Aber damit erklärt sich noch nicht die Erbitte-