Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 14)
- Language
- German
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78 R. Hoeniger, Zur Geschichte der Juden Deutschlands im frühern Mittelalter. Juden und Christen friedlich nebeneinander beurkundet wird, verschwinden von nun an in den Karten des Laurenzschreins Rechtsgeschäste, bei denen Juden betheiligt sind. Wo die Bezeichnung 5uäeu8 noch vorkommt, schließt der Zusatz eo^nomine 5uäeu3 jeden Zweifel über die Confession aus. Die Privaturkunden der Juden werden von da an getrennt von denen der Christen verzeichnet. Aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts ist ein Bruchstück eines solchen Judenschreinsbuches erhalten. Ich erwähne zum Schluß noch ein für die hier beobachtete Ent¬ Wickelung einer zunehmenden Zurückdrängung der Juden besonders bezeichnendes Merkmal. An einer Stelle hat die räumliche Ausdehnung des Judenquartiers über die Grenzen des Laurenzkirchspiels hinausgegriffen. Wie sich aus den Acten des Brigidenschreins ^) ergiebt, stehen zwei Häuser des Ghettos unter der Jurisdiction der Amtleute dieser Nachbargemeinde. An den Stellen, wo Rechtsgeschäfte von Juden, die sich auf diese Häuser beziehen, eingetragen sind, ist von späterer Hand der bekannte spitze Judenhut an den Rand gezeichnet. Dieser Hinweis auf eine besondere Judentracht mag als letzter Abschluß einer langen Entwickelungsreihe gelten. Die Vorschrift, daß die Juden an ihrer Kleidung besondere Zeichen tragen sollten, bemerkt Stobbe (S. 173), „war darauf berechnet, jene Tendenz der Absonderung der Juden von der christlichen Gemeinschaft auch praktisch durchzuführen, und bildete gewissermaßen den Schlußstein für die ganze Gesetzgebung". Auf dem vierten Lateranischen Concil im Jahre 1215 ist zum ersten Mal die allgemeine Forderung, daß die Juden durch ein äußerlich deutlich erkennbares Abzeichen sich von den anderen Nationen unterscheiden sollten, gestellt worden, als Motiv wird angegeben, „daß nur so Ehen und fleischliche Vermischungen zwischen Juden und Christen vermieden werden könnten." Nächst der Thatsache der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, ergiebt sich ebenso bestimmt aus dem mitgetheilten Material ihre langsame, aber stetige Zurückdrängung aus ihrer vorher social und rechtlich günstigen Position. Wie ist diese Veränderung zu erklären? Die zutreffendste Antwort hat m. E. der verehrte Altmeister unserer wirthschaftsgeschichtlichen Studien gegeben. Roscher hat seine nicht sowohl in ihren wesentlichen Zügen, als in ihrer ganzen Zusammenfassung und Haltung selbstständige und neue Ansicht in einer kurzen Abhandlung: „Die Juden im Mittelalter, betrachtet vom Standpunkte der allgemeinen Handelspolitik-)" entwickelt. Der vulgären Auffassung, welche die Judenverfolgungen des Mittelalters „dem Zusammenwirken zweier Factoren: der Unduldsamkeit einer t) Schreinskarte von Brigiden c. 1190—1215 im Besitz des Herrn M. Pflaum auf der Fahnenburg bei Düsseldorf. 2) Zuletzt abgedruckt in: Ansichten der Volkswirthschaft aus dem geschichtlichen Standpunkt. 3. Aufl. Leipz. u. Heidelb. 1878. Bd. II, S. 311—354.