Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 19)
- Language
- German
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 63 Philosoph in ihnen nur unwichtige Dinge, um die sich zwar der abergläubische Pöbel kümmern mochte, die aber nicht würdig waren, daß sich der schärfste Denker des damaligen Deutschland so ernst und aufopferungsvoll Jahre lang mit ihnen beschäftigte. Erst als Lessing mit der Schöpfung des „Nathan" aus der einseitigen christlich-dogmatischen Polemik zur allgemeinen Kritik der verschiedenen monotheistischen Religionen überging, begleitete Mendelssohn wieder mit gespanntem und bald durch persönliche Rücksichten aufs Höchste gesteigertem Interesse seine Arbeit. Aber immer unverändert, nie durch den Schatten eines Zweifels getrübt, blieb das menschliche Verhältniß der beiden Freunde. Mendelssohn sagte nicht zu viel, wenn er im schmerzlichen Gefühle des unersetzlichen Verlustes 1781 an Herder schrieb. Lessing sei allein unter all seinen Bekannten allezeit ungetheilten Herzens, ganz sich selbst gleich, ganz sein Freund und Wohlthäter geblieben; mit ihm sei er zu leben gleichsam gewohnt gewesen. Und konnte Lessing dem Lebensfreunde ein größeres Zeichen seiner Liebe und Achtung geben, als daß er viele Züge seines Charakters für seinen Nathan den Weisen entlehnte? In früher Jugend, noch bevor er Mendelssohn kennen lernte, hatte er einen edlen, gebildeten Juden zum Helden eines Lustspiels gemacht, welches wir heute als eine Art von Vorstudie zum „Nathan" schätzen. Und als Michaelis in seiner Recension dieser Komödie in den „Göttingischen gelehrten Anzeigen" die Wahrscheinlichkeit eines solchen Charakters unter den Juden bezweifelte, hatte Lessing als Antwort auf das ungerechte Bedenken 1754 in seine „Theatralische Bibliothek" einen Brief des jüdischen Jünglings, den er inzwischen zum Freunde gewonnen, eingerückt, ohne Scheu, daß der weinerliche, leidenschaftlich aufgeregte Ton dieses Schreibens ihm, dem Herausgeber, selbst zum Tadel oder seinem Werke zum Nachcheil gereichen möchte. Nun, an der Grenze seines Lebens, stellte er wieder einen edlen und weisen Juden in den Mittelpunkt seines reifsten dramatischen Gedichts, und jetzt, nachdem er ein Bierteljahrhundert lang auf das Innigste mit dem besten jüdischen Denker seiner Zeit verbunden war, konnte er den Charakter, den er als Jüngling zum Theil sich aus seiner Phantasie schaffen mußte, nach der Natur bilden. Er schilderte in seinem Nathan keineswegs Moses Mendelssohn treu nach dem Leben ab; nach einem derartigen Realismus hat Lessing bei keinem seiner Dramen und am wenigsten beim „Nathan" gestrebt. Der edelste Repräsentant der religiösen Toleranzidee ist nicht bloß ein Geschöpf des Lessing'schen Geistes, sondern auch zum guten Theil ein Abbild des Lessing'schen Charakters. Viele Züge waren demselben aber mit Mendelssohn gemeinsam; dazu übertrug von diesem der Dichter auf seinen Helden die speciell dem jüdischen Wesen zukommenden Eigenschaften. Mendelssohn, der im „Nathan" sich selbst und die höchsten Ziele seines Strebens wiederfand, erblickte in diesem Drama das schlechthin unübertreffliche Meisterstück Lessings. „Von einem Werke des Geistes", schrieb er nach dem Tode des Freundes an dessen Bruder, „das eben so sehr über „Nathan" hervorragte, als dieses Stück in meinen Augen über alles, was er bis dahin geschrieben, kann ich mir keinen Begriff machen. Er konnte nicht höher steigen, ohne in eine Region zu kommen, die sich unfern sinnlichen Augen völlig entzieht."