Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 20)
- Language
- German
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64 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. Lessings Freundschaft war Mendelssohns kostbarster Schatz, von unberechenbarem Werth auch für seine ästhetische Wirksamkeit. Die Werke des größten Autors unter den Mitlebenden wurden ihm so der Maßstab, nach dem sich seine ästhetischen Ansichten und Begriffe richteten. Mit jenen Werken schritten auch sie fort. Dies hatte Mendelssohn sogar vor Kant voraus, dessen unmittelbarer Borgänger er auf dem Gebiete der deutschen Aesthetik war. Kant hatte sich um die Entwicklung unsrer schönen Literatur nur in seiner Jugend unmittelbar bekümmert; seine Kenntnisse von unserer Poesie bezogen sich regelmäßig auf jene Anfangsperiode der deutschen Kunst; die vollendeteren Erzeugnisse der späteren Jahrzehnte, denen seine grundlegenden philosophischen Hauptschristen entstammten, waren ihm fremd geblieben. Mendelssohn hingegen hatte eine breite und tiefe Anschauung von der gesammten schönen Literatur seiner Zeil. Das Studium schwieriger wissenschaftlicher, namentlich spekulativer Werke war ihm in seinen letzten Jahren durch seine Kränklichkeit unmöglich gemacht; zur Lektüre der wichtigsten dichterischen Schriften reichte seine Kraft auch in der schlimmsten Zeit aus. Eine solche umfassende und gründliche Kenntniß unserer Poesie war aber für seine ästhetischen Untersuchungen unbedingt nothwendig, da er dieselben vielmehr als der Begründer der Transcendentalvhilesophie auf dem Boden der Empirie führte und durch konkrete Beispiele aus den einzelnen Künsten erläuterte. Die Kunstlehre verdankte ihm zunächst die wissenschaftliche Feststellung und Erörterung ästhetisch bedeutsamer Begriffe. An seinen Abhandlungen lernte Herder wie Lessing; ihr Einfluß erstreckte sich bis auf Kant und Schiller. Aus seinem Aufsatz „Ueber das Erhabene und Naive in den schönen Wissenschaften" (1758) schöpften Philosophen wie Kritiker bis zum Ende des Jahrhunderts Anregung und Belehrung, bis Kant denselben Gegenstand von neuem und tiefer ergründete, und noch Schiller, der Schüler Kants, nutzte Mendelssohns Darlegungen. Ebenso zog aus seinen Theorien über die Empfindungen, wie er sie namentlich 1761 in der seine früheren Arbeiten darüber ergänzenden und berichtigenden „Rhapsodie" ausstellte, erst Kant die letzten, entscheidenden Konsequenzen. Darum bewunderte denn auch dieser ungeheuchelt Mendelssohns spekulatives Genie, das er sogar für sähig erachtete, neue Bahnen in der Metaphysik zu brechen, wie er andrerseits seine Schreibart als die für die Philosophie zuträglichste pries. Gleich Kant entfaltete Mendelssohn seine bedeutendste Thätigkeit nicht unmittelbar im Bereiche der schönen Wissenschaften; wie Kant's Werke griffen aber auch seine Schriften nach mancher Seite hin bestimmend in die Entwicklung unserer poetischen Literatur ein. In die Periode, da sie aus starrem Schlafe zu frischem Leben wieder erwachte, fielen seine Anfänge; mit ihr entwickelte er mannigfaltig und gedeihlich seine Kräfte, und bis hinüber in die glanzvollste Epoche deutscher Dichtkunst wirkte er, der edelste Vertreter des populären Rationalismus, der eleganteste Schriftsteller unter den deutschen Philosophen des vorigen Jahrhunderts, der feinsinnige Aesthetiker und Kritiker, der Freund Lessings.