Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. Lessings." Trotz aller philosophischen Unzulänglichkeit hatte es das Verdienst, daß es von einer klarern Erkenntniß des Lessing'schen Wesens zeugte als Jacobis Buch; die Mittelstellung, die der Verstorbene zwischen den Systemen Spinozas und Leibnizens einnahm, hatte allerdings auch Moses nicht begriffen. So war die Freundschaft zu Lessing das erste und letzte und überall das wichtigste Band, welches Mendelssohns Wirken mit der Geschichte unsrer Literatur verknüpfte. Sie überdauerte Lessings Tod unvermindert und ungeschwächt bis an den eignen Tod des Ueberlebenden. Kein andrer unter Deutschlands Dichtern und Schriftstellern, den das Leben mit Moses zusammenführte, vermochte sich seine Zuneigung in gleicher Weise zu erwerben und zu erhalten wie Lessing. Mendelssohn stand Jahre lang in Briefwechsel mit dem schreibfertigen und vielseitig thätigen Christian Felix Weiße, besuchte ihn wiederholt und ward von ihm besucht; Gleim sprach bei ihm 1765 in Berlin vor und warb um die Freundschaft des „großen Mannes", den er seit seinen ersten literarischen Arbeiten hochschätzte und liebte; er führte ihm Knebel und Johann Georg Jacobi zu; 1776 trat Leisewitz, 1784 Alxinger ihm persönlich nahe; Herder verfolgte mit regem Eiser alles, was Moses schrieb, nahm an den Schicksalen, die ihn betrasen, innigen Antheil, wandte sich auch ein und das andre Mal brieflich an ihn: aber alle diese persönlichen Begegnungen und Beziehungen waren flüchtig vorübergehender Art oder blieben doch ohne bedeutenden und dauernden Einfluß aus das literarische Wirken Mendelssohns sowohl als der Autoren, mit denen er so bekannt wurde. Auch mit der plump-anmaßenden Art, wie sich Nicolai später den hervorragenden neuen Erscheinungen unserer Literatur gegenüber geberdete, konnte sein jüdischer Freund nicht mehr einverstanden sein; er hatte z. B. Goethes „Werther" mit innigem Vergnügen gelesen und bekannte, daß ihn das Werk sehr angegriffen habe. (In dem Gedicht „Prometheus" sah er freilich nur eine „Armseligkeit" voll abenteuerlichen Inhalts, „schlechte Verse", die ihm höchstens als eine gute Persiflage des sogenannten Spinozistischen Systems gefielen.) Der Zwiespalt der Gesinnungen zwischen ihm und Nicolai wäre wohl noch merkbarer geworden, hätte er die letzte Periode des Leiters der „Allgemeinen deutschen Bibliothek" mit ihren beständigen Nörgeleien an allem Großen und Außerordentlichen erlebt. So aber ward wenigstens das persönliche Verhältniß der beiden alten Freunde, die geistig nicht mehr wie einst zusammenstimmten, in keiner Weise gestört. Aehnlich, wenngleich nicht genau ebenso, ging es Mendelssohn in den letzten Jahren mit Lessing. Mit dem Verfasser der „Hamburgischen Dramaturgie" und der „Antiquarischen Briefe" konnte er allenfalls noch Schritt halten, ja ihm vielleicht sogar eine schätzbare Bemerkung zu seiner Arbeit brieflich mittheilen oder sich ihm als Bundesgenosse im literarischen Streite zugesellen, indem er Klotz mit einer derben Recension erbarmungslos angriff. Als Lessing sich aber bald hernach in den theologischen Kampf einließ, vermochte Moses ihm nicht mehr zu folgen: er stand nicht nur als Jude den christlich-religiösen Fragen, um die sich die Fehde hauptsächlich drehte, gleichgültiger gegenüber, sondern er sah auch als deistisch-rationalistischer