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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 60

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 60 (sequence 16)
Language
German
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60 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. Kunst, die der auch von ihm als größter Meister der deutschen Dichtung verehrte Sänger allerorten im Einzelnen bewährte. Wie hoch stellte er, auch hierin der Genosse Lessings, Klopstock über seine Nachahmer und Nebenbuhler! Selbst den epischen Versuch eines Geßner, den „Tod Abels", mußte er, abgesehen von dem lobenswürdigen Stil und Colorit, ganz und gar verurtheilen. Die Strenge seiner Kritik verhinderte es in den meisten Fällen, daß sich ein persönlich freundschaftliches Verhältniß zwischen ihm und den von ihm recensirten Autoren bildete. Am ersten schien Wieland, von Natur versöhnlich und für Mendelssohns Charakter und wissenschaftliches Verdienst fast schwärmerisch eingenommen, sich seinem ehemaligen Tadler unmittelbar menschlich nähern zu wollen. Aber obwohl dieser Wielands spätere Werke, namentlich den „Don Shlvio" und den „Goldnen Spiegel", aus das höchste bewunderte, so nöthigte ihn doch seine Kränklichkeit, die Aufforderung zur Mitarbeit am „Deutschen Merkur" abzulehnen. Doch unter den übrigen literarisch ausgezeichneten Männern Deutschlands fühlte sich mancher durch jene Kritiken zu Mendelssohn hingezogen und knüpfte so einen bald kürzer, bald länger andauernden Briefwechsel mit ihm an, dessen nächste Folge nicht selten gelegentliche gegenseitige Besuche waren. Durch seine frühzeitige Bekanntschaft mit Berliner Akademikern, namentlich mit Sulzer, war Moses schon vorher in einen ausgebreiteteren literarischen Verkehr gekommen. In den Führern der schweizerischen Schule hatte Sulzer lebhaftes Interesse an den Schicksalen und Schriften des „stark denkenden ebräischen Jünglings" erweckt. Am nächsten traten ihm unter ihnen Zimmermann und Jselin, mit denen ihn die gleiche populärphilosophische Thätigkeit geistig und bald auch persönlich verband. Bedeutender, aber unliebsamer gestalteten sich seine Beziehungen zu Lavater, der sich 1763, als er durch Berlin reiste, von Sulzer zu Mendelssohn führen ließ. Sechs Jahre später widmete der Züricher Geistliche, der damals mit (zeitlebens nie veränderten) Empfindungen der Freundschaft und Hochachtung von dem jüdischen Philosophen geschieden war, diesem seine Übersetzung von Bonnets „?alinssen6sie xdiloLoxliiyue" und beschwor ihn in der Zuschrift öffentlich bei dem Gott der Wahrheit, Bonnets Beweise für das Christenthum zu widerlegen oder, falls er dieselben richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit ihn thun hießen, „was ein Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte." Lavaters Verfahren war übereilt, seine Zumuthung täppisch, die Oeffentlichkeit seines Handelns in jeder Rücksicht verwerflich; seine Beweggründe aber waren rein, sein Bekehrungseifer frei von allen pfäffischen Nebenabsichten. Das erkannte Moses leidenschaftslos an, und so ward es ihm nicht allzu schwer, mit sicherm Takte sich aus der Verlegenheit zu ziehen, zumal da Lavater edelmüthig alsbald sein Unrecht vor aller Welt eingestand. In den literarischen- Kreisen wirbelte die Sache freilich noch länger hinaus vielen Staub aus: bornirte Judenfeinde sowie spottlustige Freigeister beuteten sie zu hämischen und niedrigen Angriffen auf den einen oder den andern aus; doch stand die Mehrzahl der Gebildeten auf Mendelssohns Seite.

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