Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 59 und den kühnen Schwung der philosophischen Oden des gleichen Verfassers vergebens suchte. Am schlimmsten kam bei solchen Maximen seiner Kritik Rousseaus „Neue Heloise" weg. An ihr ließ Moses nur den philosophischen Gehalt gewisser Reflexionen gelten; die ganze künstlerische Komposition des Romans verurtheilte er auf das Härteste, und für die glänzende Darstellung des erregten Empfindens, durch welche der leidenschaftliche Genfer ganz Europa bezauberte oder erschütterte, hatte er kein Verständniß. Gerechter wußte er die Prosa seiner deutschen Landsleute zu würdigen. Nachdrücklich hob er das Verdienst populärphilosophischer Schriften mit praktischer, nationalpolitischer Tendenz hervor. Er rühmte Zimmermanns Buch „Von dem Nationalstolze" als ein Werk, das man im Deutschen bisher vermißt habe; Thomas Abbts Abhandlung „Vom Tode für das Baterland" zeigte er nicht nur in den „Literaturbriefen" überaus beifällig an, sondern ließ sich fortan den Verfasser des Schriftchens auch persönlich empfohlen fein. Er zog ihn zur Mitarbeit an den „Literaturbriefen" bei und bemühte sich, so viel er konnte, Abbts schriftstellerisches Talent zu bilden und zu vervollkommnen. Er machte den jungen Autor auf bedeutende Neuigkeiten des deutschen Büchermarktes aufmerksam, verhandelte ausführlichst mit ihm über philosophische oder literarische Probleme, säuberte und feilte endlich als sprachmeisterlicher Freund an seiner nichts weniger als korrekten Diktion. Noch über Abbts frühen Tod hinaus dauerte diese Sorgsalt: unter Mendelssohns Beistand veranstaltete Nicolai die Ausgabe der gesammelten Schriften und Aufsätze des Jungverstorbenen. Doch auch die ältere Prosa Lohensteins, von den Zeitgenessen wenig mehr gekannt, aber mit seiner Poesie gleichmäßig verdammt, erlangte ob der gedrungenen Kraft und dem historischen Stil ihrer sprachlichen Darstellung mit Fug in Mendelssohn einen beredten Anwalt. Besonders bei den größeren epischen oder dramatischen Werken der gleichzeitigen deutschen Dichtung überwog das negative Element in seiner Kritik. Cronegks gekröntes Preistrauerspiel „Codrus" fand wenig Gnade in seinen Augen; desto besser gefiel ihm dessen unvollendete Tragödie „Olint und Sophronia", an der Lessing hernach die wesentlichen Mängel des christlichen Trauerspiels nachweisen sollte. Dagegen nahm er in seinen Recensionen der mit Tugend und Moralität übersättigten Dramen Wielands dem größern Freunde alles vorweg, was vom Standpunkte der ästhetischen Kritik, gegen jene verfehlten Arbeiten für die Bühne vorzubringen war. Ebenso konnte sich Lessing mit der einzigen größern Recension, die Moses über ein Werk Klopstocks schrieb, vollkommen einverstanden erklären. Es war das patriarchalisch-idyllische Trauerspiel „Der Tod Adams", dessen schwachen, alle Grundregeln des Dramas mißachtenden Aufbau Mendelssohn einer strengen, aber gerechten, logisch durchaus zutreffenden Kritik unterzog. Aber auch in der Dichtung des „Messias" erkannte er, wie seine Briefe an Lessing verrathen, schärfer als die meisten zeitgenössischen Beurtheiler die inneren Mängel und unüberwindlichen Schwierigkeiten, die in der Natur des Stoffes begründet waren. Deshalb wurde er an dem poetischen Genie Klopstocks nicht irre und vergaß keinen Augenblick aus die