Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. suchte sein Urtheil in jedem Moment auf sie zu begründen, durch sie zu rechtfertigen und vor Oberflächlichkeit zu bewahren. Im höchsten Sinne produktiv, wie die Kritik Lessings, wurde die seinige freilich kaum jemals. Aber auch er vergaß nie über dem Kleinern das Größere, nie über dem Aeußerlichen den Kern. Mit vollem Recht fragte er bei größeren Gedichten zuerst nach der Handlung, rügte schon er vor Lessing wiederholt den Wahn, als ob die sittlich vollkommenen Charaktere in der Poesie besonders brauchbar seien; er leugnete geradezu, daß ein episches oder dramatisches Kunstwerk möglich sei, in welchem lauter oder auch nur fast lauter moralisch gute Menschen dargestellt werden. Und vor allem bestach ihn niemals die Person des Verfassers und sein gesellschaftliches Verhältniß zu demselben. Rücksichtslos gegen den socialen Rang oder gegen das literarische Ansehen des Schriftstellers, den er beurtheilte, tadelte er am Meister wie am Anfänger, was ihm mittelmäßig oder schlecht schien, wagte sogar gegen die Gedichte Friedrichs des Großen in seiner Weise einzelne Bedenken geltend zu machen und verhehlte bei einer prinzipiellen Streitsrage keineswegs, daß er das Verfahren seines Freundes Ramler durchaus für unbillig und unerlaubt halte. Es handelte sich um die Fabeln Lichtwers, die Ramler eigenmächtig und ohne Vorwissen des noch lebenden Verfassers in „verbesserter" Auflage neu herausgegeben hatte. Moses ließ trotz allem Lobe, das er dem der altern Schule ungehörigen Dichter spendete, seinem Werke keineswegs volle Gerechtigkeit widerfahren: er verwarf gerade die Fabeln als unerträglich elend, die fast allein sich bis auf unsre Zeit lebendig erhalten haben; aber er nahm sich gegen Ramler, den Lessing vertheidigte, kräftig des unerhört geschädigten Autors an, wenn er auch die ungeberdige Heftigkeit, womit dieser sich seines Eigenthums wehrte, nicht ungetadelt lassen durste. Er ging so weit, als er bei seiner Anerkennung des Ramler'schen Princips formaler Korrektheit überhaupt gegen Ramler vorgehen durste. Sonst hatte er als Kritiker für den Berliner Sänger, den er durch Vermittlung seiner älteren literarischen Freunde auch persönlich kennen und schätzen gelernt hatte, nur Worte des höchsten Lobes: er pries ihn als den vollendetsten und zugleich originellen Nachahmer des Horaz in Deutschland, als unfern Odendichter par exeellenee, während Klopstocks Poesie sich mehr der Hymne nähere. Daß auch Ramlers Gesänge weit mehr die Frucht von „Geschmack, Vernunft und Kritik" als das Werk eines großen poetischen Genies waren, wie Moses das bei den übrigens auch von ihm nach Gebühr hochgerühmten Arbeiten Johann Elias Schlegels richtig herausfühlte, der Verdacht scheint sich niemals in ihm auch nur schüchtern gerührt zu haben. An dem dichterischen Ideal, das er sich aus Ramlers Lyrik abstrahirte, maß er nun die verwandten Versuche anderer deutscher Poeten, die von ihren Freunden sinnlos überschätzten Reimereien der Karschin, auf welche dieser Maßstab mindestens im Einzelnen wenig paßte, die moralischen oder didaktischen Verse eines Withof, der sich an Hallers Muster gebildet hatte, und des unselbstständig bald in Hallers und Klopstocks Bahnen, bald aus den Pfaden ihrer literarischen Antipoden wandelnden Dusch, das Lehrgedicht des anmuthigen Uz über die Kunst stets fröhlich zu sein, in welchem Mendelssohn die Stärke