Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 57 gebühre, den Nicolai für das beste Trauerspiel ausgesetzt hatte, beschäftigte ihn nicht minder als jenen selbst. Ebenso suchte er Lessings Interesse und thätige Theilnahme an der Zeitschrist gleich kräftig zu erhalten, ja wiederholt neu anzufeuern. Nach zwei Jahren ging die Redaktion der „Bibliothek" in andere Hände über; statt ihrer gab Nicolai seit 1759 die „Briefe, die neueste Literatur betreffend" heraus. Von Lessing rührte der Plan des Unternehmens her; er bestimmte durch seine ersten Beiträge dazu den Charakter und Stil desselben. Zunächst übernahm er die Kritik der schönwissenschaftlichen Werke; Mendelssohn, der mit Nicolai der „Bibliothek" Valet gesagt hatte, sollte nur für die Recension philosophischer Schriften in Anspruch genommen werden. Aber Lessing entwich nach kaum zwei Jahren wieder aus Berlin und entzog sich damit auch der weitern Mitarbeit an den „Literaturbriefen"; seine Ausgabe und mit ihr wieder ein großer Theil der Redaktionsgeschäfte fiel nunmehr gleichfalls an Moses, und wenn dieser auch bald in Thomas Abbt einen tüchtigen Gehilfen anwarb und gelegentlich an Nicolai eine Recension abtrat, die meisten zur poetischen Literatur gehörigen Werke besprach von nun an doch er. Auch in der „Allgemeinen deutschen Bibliothek", durch die Nicolai 1765 die „Literaturbriefe" gewissermaßen fortsetzte, beurtheilte er, wenigstens in den ersten Jahren ihres Bestehens, noch das eine oder andere dichterische Produkt. Mancherlei waren die Werke, über die Moses sich so als Kritiker äußerte, an Charakter und Werth durchaus verschieden; neben mehreren Stümpern sah er auch die Meister unserer damaligen Poesie vor feinen Richterstuhl gestellt. Unparteiisch, gründlich, scharf- und seinsinnig war sein Urtheil immer, wenn auch die fernere Entwicklung unserer Literatur seine Ansichten nicht überall bestätigt hat und demgemäß unsere heutige Kritik seinem Verdikte manchmal geradezu widerspricht. Er verhielt sich oft nur zu nüchtern gegenüber dem Werke des dichterischen Genies. Stets waltete in seiner Kritik der einseitig logische Verstand vor, der das freie Spiel der Phantasie und die kühnen Ausbrüche der Empfindung mitunter nicht begreift oder wenigstens nur innerhalb gewisser Schranken billigt. Bor dem Verstände sollte sich jeder Gedanke, ja jedes Wort des Dichters rechtfertigen: Klarheit, Ordnung und Reichthum des geistigen Gehaltes verlangte darum Moses vornehmlich von der Poesie. Er verurtheilte die zweideutigen Ausdrücke; er war gar schnell bereit, gewagte Bilder und sonstigen Farbenschmuck der Rede als Lohensteinischen Schwulst zu verdammen; aber gegen nichts eiferte er so sehr wie gegen leere Zeilen, hierin ganz im Einklang mit Lessing. Er forderte direkt Gedankenpoesie, nicht bloße Gefühlslhrik; aber als Freund und Verehrer Ramlers begehrte er nicht minder, daß die Gedanken in „schöne Worte" gekleidet seien: äußere formale Korrektheit galt ihm unerläßlich für den Dichter. Er urtheilte daher auch meist nach einem fertigen Regelnfchema, nach einem System der Poetik, das er sich freilich aus philosophischen Grundsätzen gebildet und auf solche gestützt hatte. Er ging überhaupt gern bei seinen Recensionen von allgemeinen philosophischen Betrachtungen aus, pflegte den einzelnen konkreten Fall mit einer universellen Idee in Zusammenhang zu bringen.