Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. Fragen, die Lessing sich hernach im „Laokoon" stellte. Auch er hatte ja nach den verschiedenen Mitteln, den natürlichen oder willkürlichen Zeichen, deren sich der Künstler bedient, die bildenden und die redenden Künste oder, wie er nach der altern Terminologie sagte, die schönen Künste und schönen Wissenschaften zu sondern, das sinnliche Ausdrucksvermögen der einzelnen Kunstgattungen zu untersuchen und ihre Grenzen gegen einander sowie ihre mögliche Verbindung unter einander zu betrachten. Er zog noch nicht die fruchtbaren Konsequenzen, in denen allerdings hauptsächlich der unschätzbare Werth des Lessing'schen „Laokoon" beruht, aber er lieferte am fertigsten die Prämissen, aus denen jene Schlüsse folgten; selbst nicht schöpferisch, konnte sein Aussatz wenigstens als beste Borarbeit dem schöpferischen Geiste gelten, der nach ihm das gleiche Problem behandelte. Wie sehr Lessing das anerkannte, bewies er dem Freunde vornehmlich dadurch, daß er ihm den ersten Entwurf seines „Laokoon", bevor er an die Ausführung desselben ging, zur Prüfung mittheilte und durch die zahlreichen, gehaltvollen Anmerkungen, mit denen Moses ihn versah, sich mehrmals zu Aenderungen oder erklärenden und rechtfertigenden Zusätzen in seinem Werke bewegen ließ. Auch sonst übergab ihm Lessing in jenem ersten Jahrzehnt ihrer Freundschaft gern zur Durchsicht, was er eben von literarischen Werken vollendet oder wohl auch nur begonnen hatte. So schickte er ihm z. im Juli 1755 eine Anzahl seiner Fabeln, über die jener ihm freimütbig sein Urtheil schrieb. Auch in dieser Weise trug Lessing dazu bei, daß der Gesichtskreis Mendelssohns sich erweiterte, und wie er mit zuerst senen Blick auf die Theorie der Aesthetik gelenkt hatte, so lockte er ihn ebenso bald darnach zur kritischen Lektüre schönwissenschaftlicher Schriften an. Noch bestimmender als Lessing wirkte in dieser Hinsicht ein anderer Freund auf Moses ein, den er ziemlich zur gleichen Zeit wie jenen kennen lernte, Friedrich Nicolai. Nicolai, beweglicher, aber oberflächlicher als Mendelssohn, ziemlich universell gebildet, aber ohne methodische Schulung, war bei seinen gleichfalls autodidaktischen Studien von der poetischen Literatur ausgeganger. und kehrte zu ihr als seinem wichtigsten Ziele stets wieder zurück. Kaum hatte er sich durch seine „Briefe über den itzigen Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland" einen geachteten Namen in der literarischen Welt erworben, als er 1756 die „Bibliothek der schönen Wissenschaften uro der freien Künste" begründete, die erste kritisch-ästhetische Zeitschrift Deutschlands, in welcher unabhängig von dem Getriebe der literarischen Parteien einheimische und fremde Schriftwerke strenger, als man bisher gewohnt war, doch nach rein sachlichen Rücksichten beurtheilt wurden. Mendelssohn ward sein fleißigster Mitarbeiter. In der „Bibliothek" veröffentlichte er nichl nur seine ersten kunstphilosophischen Aufsätze und recensirte theoretische Werke über Aesthetik und Literatur, sondern bald betheiligte er sich auch eifrig an der Kritik der neu erschienenen poetischen Schriften. Während er in einen Briefen drohte, die schönen Wissenschaften demnächst abzudanken, wbmete er gerade damals sich ihnen mehr als je zuvor. Aber auch in die Redaktionsarbeiten ließ er sich von Nicolai tiefer und tiefer hineinziehen. Die Erwägung, welchem von den zur Bewerbung eingesandten Stücken der Preis