Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263058--0063-2263127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. liche Individualität von der des Freundes: Lessing kühn, Moses schüchtern; jener kampflustig, dieser friedsam; jener rastlos umhersorschend und dabei nach allen Seiten ausschweifend, gleichgültig gegen die Beschwerden und Hemmnisse eines ungebahnten, holperigen Weges, wenn er nur überhaupt zum Ziele führte, dieser stet und ruhig gerade aus das Ziel losstrebend und vorsichtig den bequemsten, ebensten Weg dazu auskundend. Die Vorzüge der Darstellungsweise Mendelssohns fielen unmittelbar beinahe deutlicher in die Augen; die Zeitgenossen ließen sich bald von ihnen so blenden, daß sie mitunter darüber selbst vergaßen, etwaige Schwächen im Inhalt seiner Schriften strenger zu prüfen. Langsam bildete sich gerade in jener Zeit, da Moses mit Lessing auf das Innigste verkehrte und zusammen arbeitete, die Eigenart seines Stiles aus. Und auch zu den Schriften, in denen sie zuerst klar zu Tage trat, regte theilweise Lessing den treuen Genossen seines Strebens an. Aus seinen Rath übersetzte Mendelssohn Rousseaus Preisschrift über den Ursprung oer Ungleichheit unter den Menschen. Lessings Gespräche mögen viel dazu beigetragen haben, daß Moses sein spekulatives Talent hauptsächlich der durch Alexander Gottlieb Baumgarten eben damals neubegründcten Aesthetik widmete, wie denn auch, nachdem Lessing 1755 von Berlin nach Leipzig übergesiedelt war, seine Briefe das Augenmerk des Freundes stets von neuem auf diesen noch wenig gepflegten Zweig der Philosophie lenkten. Und hier zeigte sich ihr Gedankenaustausch für beide gleich gewinnreich. Monate la«g disputirten sie in ausführlichen Briefen mit einander über das Wesen un) den Endzweck der Tragödie, über die Reinigung der Leidenschaften, über die Bedeutung von Mitleid und Furcht, Schrecken und Bewunderung. Mcses vertrat dabei Anfangs eine ziemlich oberflächliche Auffassung, während in Lessing schon die Gedanken keimten, die er zehn Jahre später in der „Hcmburgischen Dramaturgie" voll ausgereift entwickelte. Direkt vermochte er den Aeußerungen Mendelssohns nichts für seine Zwecke Brauchbares zu entnahmen, er konnte sie nur widerlegen; nichtsdestoweniger dienten seine Einvürse und Entgegnungen öfters dazu, Lessings eigne Ansichten zu klären und schärfer zu bestimmen. Lessing gestand dies auch selber unbefangen zu und bat in einem solchen Falle den Freund, die Untersuchung, die jenen nichl befriedigte, nochmals von vorne ansangen zu dürfen; er wolle erproben, ob seine Gedanken durch Mendelssohns Einwände reifer geworden seien. Bedeutendern Einfluß gewann Moses aus Lessings „Laokoon." Hatte noch vor wenigen Jahren Lessing ihn zu literarischer Arbeit angespornt, so war jetzt er der Treibende, Lessing der Zögernde geworden. Wie oft reizte nichi Mendelssohn mit seinen beständigen Fragen und Klagen den säumenden Freznd an, seine Entwürfe und halbfertigen Schriften wo nicht zu vollenden, so doch weiterzuführen! Viel rascher brachte er nunmehr die Ergebnisse seiner Forschung zu Papier. Aus jenem dramaturgischen Briefwechsel erwuchsen ihm alsbald zwei größere ästhetische Aussätze, die sofort dem Publikum mitzetheilt wurden, die „Betrachtungen über die Quellen und die Verbindunzen der schönen Künste und Wissenschaften" (1757) und die Abhandlung „Ue?er das Erhabene und Naive in den schönen Wissenschaften" (1758). Schm das Thema des ersten Essays führte ihn wiederholt zu denselben