Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. erworben; die größten und mannigfaltigsten Pläne für die Zukunft reisten in ihm und veranlaßten zunächst mancherlei Vorarbeiten und kleinere Aufsätze, mit denen der fchaffensmuthige Verfasser nicht lange hinter dem Berge hielt. Bald gelang es ihm, auch Mendelssohn zum Schüler dieser Methode zu gewinnen. Lessings Anregung machte den Zögernden, der bis dahin aus seinem einseitig receptiven Verhältnisse zu den Wissenschaften nicht herauszutreten wagte, zum produktiven Schriftsteller. Er forderte ihn auf, die Gedanken, welche die Lectüre Shastesburys in ihm aus dem Studium Leibnizens und seiner Gegner entwickelt hatte, zu Papiere zu bringen; er ließ die „Philosophischen Gespräche", die aus diese Weise entstanden, bei seinem eignen Verleger Voß in Berlin ohne Vorwissen des Autors drucken; er machte durch das Lob, das er als Recensent dem Schriftchen spendete, dem Verfasser Much, auf der Bahn, auf die er ihn geführt, freudig fortzuschreiten. Er ward auch der Herausgeber des zweiten Buches Mendelssohns, der „Briefe über die Empfindungen"; ja er wies den Freund direkt auf die Themata hin, an denen er zunächst sein literarisches Talent erproben sollte. Gemeinsam mit ihm arbeitete er die satirische Abhandlung „Pope ein MetaPhysiker!" aus: Mendelssohns philosophisch geschulter Kopf mußte ihm den fachmännischen Apparat leihen, mit welchem er seine Polemik gegen die Berliner Akademie ausrüstete. Zum ersten Male lernte Moses hier an Lessings Beispiel, was er von da an in seinen ästhetischen Arbeiten niemals außer Acht ließ, philosophische Begriffe genau zu unterscheiden, die Gebiete der einzelnen Wissenschaften und Künste kritisch zu sondern. Vor allem aber hatte er bei der gemeinschaftlichen Arbeit vollauf Gelegenheit, an dem Stil des Freundes seine eigne Darstellungskunst zu bilden. Auch in formaler Hinsicht lernte er eifrig von Lessing; aber auch hier hütete er sich, zum unselbständigen Nachahmer Lessings herabzusinken. Anklänge an die Schreibweise desselben hatte man vereinzelt schon in den „Philosophischen Gesprächen" vernehmen können; kein Wunder, zumal da Mendelssohn zum Theil ähnliche Tendenzen wie sein reiferer Freund verfolgte: wie dieser in seinen gleichzeitigen „Rettungen", hatte auch er es darauf abgesehen, einen mit Unrecht Verleumdeten (Spinoza) zu vertheidigen. Derartige Reminiscenzen an Lessings Prosastil begegneten ebenso hie und da in Mendelssohns späteren Werken, aber sie bestimmten in keiner Weise den allgemeinen Charakter seiner Diction. Moses schrieb im Ganzen fast leichter, jedenfalls zierlicher, eleganter, Wohl auch korrekter als Lessing; er bildete seine Sätze einfacher; seine Darstellnng floß gleichmäßiger, ruhiger, anmuthiger dahin. Ihr fehlte dagegen die derbe Kühnheit Lessings, der stets von neuem aus dem urkräftigen Borne der volksthümlichen Rede schöpfte; ihr fehlte, wenn gleich Moses die Kunstgriffe der Rhetorik nicht verschmähte, das leidenschaftliche Pathos Lessings, der Ausdruck subjektiv persönlicher Theilnahme; ihr fehlten die großartigen Gleichnisse und Bilder, denen Lessings Sprache vornehmlich ihre eigentümliche Färbung verdankte, wie überhaupt die poetischen Elemente in derselben; ihr war endlich der polemische Charakter, den diese mit ihrem beständigen Kampf um die Wahrheit gegen den Jrrthum überall aufwies, nur schwach aufgeprägt. Mendelssohns Stil unterschied sich von dem Stile Lessings wie seine mensch-