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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 53

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 53 (sequence 9)
Language
German
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 53 Wie weit stehen diese Verse hinter Luthers poetischer Prosa zurück! „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er mir Guts gethan hat!" Allerdings hat gerade in dieser Beziehung keiner der späteren Uebersetzer Luther erreicht oder gar übertroffen, und Mendelssohns Zeitgenossen, die gleiche Zwecke wie er verfolgten, sind darin mitunter noch tiefer unter dem sprachgewaltigen Reformator geblieben. Aber auch Herder, obwohl im Rhythmus freier und sicherer als der intime Freund Ramlers, hat im Ganzen durch seine Übertragungen aus der hebräischen Dichtung im künstlerischen Sinne kaum mehr geleistet als dieser. So wichtig jedoch Mendelssohns Verdeutschung der Bibel für die Geschichte des Judenthums wurde, in den christlichen Kreisen erregte sie nur wenig Aufsehen. Seine Übersetzung der fünf Bücher Mösts blieb hier fast ganz unbeachtet, die der Psalmen und des Hohen Liedes wurde in einigen Zeitschriften besprochen, auch mit vielem Lobe bedacht, aber doch nicht nach ihrer Bedeutung, wenigstens nicht so, wie der Verfasser und seine Freunde erwartet hatten, gewürdigt. Die christlichen Leser schätzten in Mendelssohn nach wie vor nicht den poetisch selbst thätigen Autor, sondern den seinsinnigen Kunstkritiker, den namentlich um die Entwicklung der Aesthetik hochverdienten Philosophen, den Freund und Berather hervorragender Dichter und Schriftsteller Deutschlands. Und hierin gipfelte denn auch in der That Mendelssohns überaus gedeihliches Wirken für unsere Literatur. Als ein nicht unebenbürtiger Genosse Lessings hatte sich Moses den deutschen Autoren beigesellt. Lessings Hand führte den Unbekannten in die literarische Welt ein; Lessing'sche Anregungen förderten die in ihm schlummernden Ideen zum Leben und zur Reife; Lessings Stil ward das Muster, nach welchem er sein Deutsch bildete. Das Beste, dem er zunächst seinen spätern Erfolg und Ruhm mitverdankte, hat Mendelssohn von Lessing empfangen; aber empfangend hat auch er hinwiederum dem Freunde gegeben. Er hatte bereits mit Mühe und Fleiß sich aus der socialen und wissenschaftlichen Befangenheit seiner Glaubensgenossen loszuringen begonnen, hatte als Autodidakt allerlei Studien in der deutschen, lateinischen, französischen und englischen Sprache, in der Mathematik und Philosophie gemacht, als er 1754 von seinem Gönner, dem Arzte vr. Gumperz, dem gleichaltrigen Lessing als guter Schachspieler empfohlen wurde. Aber was hatten ihm seine sprachlichen Kenntnisse bisher nach außen genützt? Von der Welt und ihrem Treiben hatte sich der stille Jüngling noch immer schüchtern fern gehalten. Was hatte es ihm geholfen, daß er Locke und Shastesbury, Wolff und Leibniz gründlich verstand und von Spinoza wenigstens mehr wußte als die meisten seiner Zeitgenossen? Noch hatte er sich nicht dazu entschließen können, öffentlich Zeugniß von dem, was er gelernt und gedacht, abzulegen, die Ergebnisse seiner Studien zum Gemeingut aller Gebildeten zu machen. Nun ward Lessing sein Freund, auch er erst fünf und zwanzig Jahre alt und dennoch nach allen Seiten hin ruhelos thätig, in der Welt und in der Literatur gleichmäßig bewandert. Eine reiche schriftstellerische Wirksamkeit lag bereits hinter ihm; als Dichter wie als Kritiker hatte er sich einen überall geachteten, mit Auszeichnung, ja mit Bewunderung genannten Namen

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