Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 49 herausgeben und die Übertragung des Hohen Liedes fertig seinen Erben hinterlassen (1788 gedruckt); seine Absicht, auch die Propheten und Hagiographen zu verdeutschen, vereitelte sein früher Tod. Er konnte eben nicht wie Luther seine volle Geistes- und Körperkraft und den größten Theil seiner Zeit der Dolmetscharbeit widmen; nur seine Nebenstunden durste er auf sie verwenden, und selbst da mußte er noch sparen: denn seine schwächliche Gesundheit bedurfte gerade in jenen Jahren der größten Schonung und machte ihm zeitweise sogar eine nahezu völlige Unthätigkeit des Geistes zum Gesetz. Andrerseits aber brauchte er auch nicht, wie Luther fast überall, aus dem Rohen zu schaffen. Er erkannte selbst rückhaltlos den hohen Werth der Lutherischen Übersetzung an und leugnete nicht, daß er sich die Arbeit seines großen Vorgängers zu Nutze gemacht habe, so gut er konnte. Er rühmte dankbar die Dienste, welche ihm die wissenschaftlich genauere Übertragung des Göttinger Orientalisten Johann David Michaelis und seines treuen Nachfolgers, des Professors Georg Christian Knapp zu Halle, geleistet habe. Er ging übrigens, was die Sprache betrifft, meistens von diesen modernen Bearbeitern wieder auf Luther zurück. Wo dieser richtig übersetzt hatte, schien er ihm auch glücklich verdeutscht zu haben. Mendelssohn merzte selbst die Hebraismen nicht immer aus, welche Luther in seine Sprache aufgenommen und welche seitdem ein mehr als zweihundertjähriger Gebrauch der deutschen Rede einverleibt hatte. Er ging in dieser Hinsicht sogar noch etwas weiter als der christliche Reformator des sechzehnten Jahrhunderts. Die hebräischen Eigennamen, bei denen sich dieser der uns nunmehr geläufigen gräcisirten oder latinisirten Formen bedient hatte, schrieb er philologisch genau nach dem Urtext; er verwandelte auch den hebräischen Namen Mzrajim nicht in Aegypten; er hielt sich überhaupt strenger an den Sinn und die Ausdrucksweise des Originals. Die nöthigen sprachlichen und geschichtlichen Kenntnisse besaßen er und seine Mitarbeiter ja ohne Zweifel in einem unendlich h'öhern Grade als seiner Zeit Luther und die Genossen, die ihn beriethen; hierin durste Moses mit den Seinigen sich getrost neben, in mancher Beziehung sogar über Michaelis und dessen Fortsetzer stellen. Ja, gar oft empfand er dieses Wissen geradezu als ein störendes Hemmniß seines Vorhabens. Die meiste Mühe bei der Arbeit machte es ihm, wie er Freunden wiederholt gestand, alles zu vergessen, was er jemals bei jüdischen oder christlichen Uebersetzern, Auslegern und Paraphrasten der Bibel gehört oder gelesen hatte. Nur wenn er alle diese alten Ideen aus seinem Kopfe ausgelöscht hatte, konnte er hoffen, mit unbefangenem Gemüth und ungeblendetem Auge richtig den Sinn der Urschrift zu erfassen und auszudrücken. Auf klare und korrekte Wiedergabe des Inhaltes kam es ihm vor allem an. Er übertrug wörtlich, ja buchstabengetreu, so weit es anging. Er wandte z. B. das Activ oder Passiv beim Verbum an, je nachdem es im Hebräischen gebraucht war, während Luther aus Rücksicht auf den deutschen Satzbau bisweilen damit freier verfahren war (vgl. Genesis 6, 1); überhaupt suchte er die Verbalformen im genauen Anschluß an den Urtext sorgfältiger als Luther zu unterscheiden. So behielt er das Particip oft bei, wo dieser es aufgelöst hatte. „Und die Erde war wüst und leer, und Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden i. Deutsch!. 4