Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. der Pöppschen Verse ändert und aus der dicht gedrängten Darstellung des Engländers das eine oder andere Satzglied wegläßt; auch faßt er den Sinn des Grundtextes richtiger auf als Mendelssohn, der hie und da doch einen Fehler durchschlüpfen läßt: stellenweise aber, z. B. am Schluß des Gedichts von Pope, giebt gleichwohl dieser den Gedanken des englischen Poeten einfacher, genauer und kräftiger wieder als Herder, der sich hier ohne Roth künstelnd von der Sprache des Originals entfernt. Zu Schlegel verhält sich Mendelssohn freilich überall wie der ungewiß tastende Anfänger zum sichern Meister, zum vollendeten Künstler. Aber er war ja auch in der That der erste, der es versuchte, Hamlets Monolog im Metrum des Originals zu übersetzen, ohne mehr Verse als dieses auszuwenden. Gegen die früheren und gleichzeitigen Übertragungen desselben in deutsche Prosa bezeichnete seine Arbeit einen gewaltigen Fortschritt, wenn er gleich manchmal durch die Rücksicht auf den Vers oder auch durch ein Streben nach grammatikalischer Korrektheit, auf welche Shakespeare verzichtet hatte, sich bestimmen ließ, weiter als jene von dem Wortlaut des englischen Textes abzuweichen. Und welche bessere Anerkennung konnte ihm werden, als daß trotz der nothwendigen Mängel seines Versuches mehrere Ausdrücke und Wendungen desselben von Schlegel unverändert beibehalten werden konnten oder nur leise umgebildet zu werden brauchten, damit sie dem Ideal einer dichterischen Wiedergabe der Worte Shakespeares entsprachen? Das Größte in der Uebersetzungskunst leistete Mendelssohn aber durch seine Verdeutschung der biblischen Schriften. Hier stellte er sich unmittelbar neben Luther. Gleich ihm gab er seinem Volke, das sich zuvor mit sprachlich ungenügenden oder dogmatisch beschränkten Stümperarbeiten behelfen mußte, zuerst eine richtige, klare, vorurteilslose Uebertragung der Bibel in reines und gutes Deutsch; gleich ihm arbeitete er mit unablässiger Sorgfalt, unterstützt von gelehrten Freunden, Jahre lang an dem Werke, das er, wie einst Luther, nicht nur als eine wissenschaftliche, sondern mehr noch als eine heilige, religiöse Aufgabe betrachtete. Wie Luthers Bibel, so wurde auch Mendelssohns Übersetzung des alten Testamentes von sanatischen Gegnern heftig angefeindet; wie jene, fo war auch sie nicht allein eine literarische, sondern eine nationale That von unberechenbarer kulturhistorischer Wirkung. Ueberall bessernd und bildend, drang sie rasch in die verschiedensten Schichten der Juden in Deutschland ein. Die bis dahin bei denselben gebräuchliche Methode der Schristerklärung wurde durch sie von Grund aus heilsam umgestaltet. Durch sie wurden die in Deutschland lebenden Juden zuerst mit der reinen deutschen Sprache, zuerst mit dem deutschen Geistesleben überhaupt bekannt; durch sie wurden sie erst zu Deutschen, aus fremden, nach Sitten und Anschauungen uns fern stehenden Insassen unseres Landes zu wirklichen Gliedern unseres Volkes. Mit dem deutschen Wesen verbreitete sich aber gleichmäßig eine allgemeinere Bildung unter ihnen; sie stiegen in der gesellschaftlichen Achtung, sie gewannen größere bürgerliche Freiheit. So gehen die Anfänge der gesammten Emancipation der Israeliten auf Mendelssohns Bibelübersetzung zurück. Er hat sein Werk freilich nicht wie Luther vollenden dürfen. Nur den Pentateuch (1780—1783) und die Psalmen (1783) konnte er selbst