Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. 47 Er muß zweimal, ja bisweilen dreimal dicht hinter einander denselben Gedanken, nur ein wenig anders gewendet, nur in andre Worte gekleidet, wiederholen, um alle Nuancen desselben, die in der Begeisterung des dichterischen Schaffens seiner Seele vorschweben, erschöpfend anzudeuten. Mendelssohns Poesie jedoch bekundet keineswegs jene Ueberfülle der Imagination oder jene Urmacht des Gefühls; sie ist durchaus ein Werk des Verstandes, ein Produkt der Reflexion. So bringt denn auch, wo er den Parallelismus anwendet, das zweite Glied der Periode regelmäßig einen neuen Gedanken, nicht nur eine neue Wendung desselben Gedankens; oder er reiht mitunter Bilder und Gleichnisse an einander, denen nicht gleichartige oder benachbarte Vorstellungen der Phantasie zu Grunde liegen, die vielmehr mit Hilfe des logischen Sinnes künstlich zusammengesucht sind. So, wenn er in dem Brautlied auf die Vermählung der Prinzessin von Oranien zwei sinnlich grundverschiedene Gleichnisse durch den Parallelismus verbindet: „Wie Eden da lag, Den betrachtenden Menschen erwartend, Wie die Tugend, ihrer Unsterblichkeit sicher: So sitzt im inn'ren Frauenzimmer Wilhelminens siegende Schönheit." Verstandesmäßige Reflexion waltet denn auch durchweg in den ernsteren gereimten Gedichten Mendelssohns. Das bedeutendste darunter, die „Ode zum Lobe Gottes" im Ramler'schen Stil, ist allerdings von ihm nur überarbeitet und um eine Strophe vermehrt; der eigentliche Verfasser ist Ephraim Moses Kuh. Dagegen sind uns von Mendelssohn selbst einige Proben didaktischer Poesie erhalten, durchaus nüchterne Verstandesarbeit, in welcher übrigens das fruchtbare Studium Hallers und namentlich der Lessingischen poetischen „Fragmente" unverkennbar ist. Doch was den selbständigen Dichter unbedingt zum Nachtheil gereichte, das Uebergewicht des Verstandes über die Empfindung, war für den poetischen Uebersetzer schon minder gefährlich, ja unter Umständen sogar erwünscht. Mendelssohn hat viel aus fremden Sprachen ins Deutsche übertragen, aus der englischen Literatur unter anderm den berühmten Monolog Hamlets (in der ersten Scene des dritten Akts) und Popes Gedicht „Der sterbende Christ an seine Seele", aus dem Hebräischen die fünf Bücher Mosis, die Psalmen, das Hohe Lied, ein Kapitel des Buchs der Richter und einige Stücke der spätern rabbinischen Literatur. Fast alle diese Werke sind noch öfter vor oder nach ihm und zwar von den ersten Meistern unserer Uebersetzungskunst verdeutscht worden. Mendelssohn arbeitete zum Theil im bewußten Wetteifer mit ihnen; seine Leistungen dürfen und sollen an denen seiner größeren Nebenbuhler gemessen werden. Popes Gedicht wurde außer ihm auch von Herder wiederholt (1774 und 1786) übertragen; Hamlets Monolog von Herder und von August Wilhelm Schlegel, die biblischen Schriften von Luther. Den Vergleich mit Herders Versuchen halten Mendelssohns Übersetzungen wohl aus. Herder schließt sich zwar enger an den sprachlichen Ausdruck und an die metrische Form seines Originals an, während Moses nach Bedarf den Rhythmus und die Länge