Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
Date
1887-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263058--0054-2263118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

46 Franz Muncker, Moses Mendelssohn und die deutsche Literatnr. Mendelssohns Name ist für immer unlöslich mit der Geschichte der deutschen Dichtung verknüpft, und doch bildet, was er selbst auf dem Gebiet unsrer schönwissenschaftlichen Literatur im engern Sinne geschaffen hat, nur einen kleinen und verhältnißmäßig geringfügigen Theil dessen, was er als Schriftsteller geleistet. Schon in seinen frühesten Jahren regte sich ein poetischer Drang in ihm. Der zehnjährige Knabe verfertigte hebräische Gedichte. Aber, reifer geworden, zerstörte Moses jene kindlichen Versuche wieder, entschlossen, sie niemals zu wiederholen. Er fand, daß es ihm ganz an poetischem Talent gebreche. Doch völlig ließ sich jener dichterische Drang nicht unterdrücken, und an äußern Anlässen, ihn frei walten zu lassen, fehlte es auch nicht. Da galt es einmal, im Freundeskreis einige humoristische Knüttelverse niederzuschreiben, ein ander Mal die neckende Anfrage eines gleichgesinnten Gelehrten brieflich mit einem gereimten Witzwort zu erwidern. Moses entledigte sich solcher Aufgaben stets mit vielem Geschick. Auch ernstere Gesänge entlockte ihm die Gelegenheit. Für einen befreundeten Musiker entwarf er einen Bußpsalm, den dieser komponirte; freudige Ereignisse im preußischen Königshause, die von der Berliner Judenschast kirchlich gefeiert wurden, drückten ihm die geistliche Leier in die Hand; die Verse, welche ein Freund in religiöser Stimmung nach einem Gewitter verfaßt hatte, machte er ausbessernd und umarbeitend sich zu eigen; an einsamen Winterabenden nahm er wohl auch wiederholte Anläufe zum Lehrgedicht. Der Knabe, der von allen Sprachen einzig die hebräische wissenschaftlich kannte, hatte sich nur ihrer zu seinen poetischen Versuchen bedienen können; der Jüngling und Mann durste das Deutsche seine zweite Muttersprache nennen, ja wurde mit Recht als einer der größten Meister des deutschen Stils gerühmt: er konnte auch seine metrischen Gesänge gleich in deutscher Sprache abfassen. Doch scheint er es nur in wenigen Fällen gethan zu haben; öfters suchte er seine Gedanken zuerst in hebräischen Worten poetisch auszudrücken und von da ins Deutsche zu übertragen. Für den künstlerischen Werth seiner Arbeit war beides gleichgültig: die wenigen Proben von eignen Gedichten Mendelssohns, die uns erhalten sind, bestätigen durchaus, daß er über sich selbst ganz richtig urtheilte, wenn er sich das Talent zu selbständiger poetischer Produktion absprach. Das Beste, wenn nicht das einzige Gute in jenen eignen Gedichten sind die zahlreichen Reminiscenzen an die alttestamentliche Poesie. Ausdrücke, Gleichnisse, ganze Sätze entlehnt Moses daraus wörtlich; er verzichtet meist auf ein festes strophisches Gefüge, desgleichen auf den Reim und begnügt sich, wie ja scheinbar auch die althebräischen Sänger, mit einer rhythmisch gegliederten Prosa, die er nach Art der freien Metren Klopstocks in locker gebundene, beständig wechselnde Verse zertheilt; dafür ahmt er die wichtigste Kunstform der biblischen Dichterrede, den Parallelismus der sprachlichen Darstellung, fleißig nach. Aber auch hier bleibt sein Bestreben rein äußerlich. Den orientalischen Poeten drängt der überquellende Reichthum seiner Phantasie und seines Gefühls zum Parallelismus. Seine Einbildungskraft ist so rege geschäftig, daß sie ihm stets eine Fülle von Vorstellungen und Bildern zum Gebrauche darreicht, sein Empfinden so leidenschaftlich bewegt, daß er es auf einmal in seiner ganzen Stärke nicht auszusprechen vermag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.