Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur
- Date
- 1887-01-01
- Page
- 45 (sequence 1)
- Language
- German
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II. Moses Mendelssohn und die deutsche Literatur. Von Franz Muncker. In der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts spielen jüdische Schriftsteller eine sowohl quantitativ als qualitativ bedeutsame Rolle; die Art und den Werth ihres Wirkens vorurtheilslos zu bestimmen, wäre eine in jeder Hinsicht interessante Aufgabe, der sich die kulturgeschichtliche und speziell die literarhistorische Forschung nicht lange mehr wird entziehen dürfen. Im deutschen Geistesleben des vorigen Jahrhunderts begegnet uns nur Ein Jude, der durch seine Schriften sich einen ehrenvollen Platz unter den besten Autoren unseres Volkes erworben hat, derselbe, der auch sonst zuerst dem modernen Judenthum die Ziele gewiesen und die Wege dazu gebahnt hat, Moses Mendelssohn. Er ist der erste große jüdische Nationalschriftsteller nicht nur in der deutschen, sondern in der gesammten europäischen Literatur. Allerdings waren auch schon in früheren Zeiten zu wiederholten Malen israelitische Autoren in verschieden Ländern unsers Erdtheils aufgetreten und hatten auf die geistige Entwicklung aller Völker desselben den größten Einfluß erlangt. Die hervorragenderen unter ihnen schrieben aber entweder hebräisch oder lateinisch, gehörten also dem Kreise der jüdischen Stammesliteratur oder der durch keine nationalen Schranken begrenzten lateinischen Weltliteratur an. So unter anderen im Mittelalter Moses Maimonides, so im siebzehnten Jahrhundert Baruch Spinoza. Moses Mendelssohn war der erste große Schriftsteller unter seinen Glaubensgenossen, welcher sich der reinen, durch keine Hebraismen entstellten Sprache des Volkes bediente, unter dem er geboren war, und wie in der Form, so im Inhalt seiner Werke nach dem Namen und Verdienst eines wahrhaft nationalen Autors rang. Solch eine völlig neue Erscheinung mußte bald die Aufmerksamkeit aller Gebildeten auf sich ziehen. Die Zeitgenossen, eben im Begriffe, mit den Waffen der Aufklärungsphilosophie sich aus konfessioneller Befangenheit loszukämpfen, sahen mit neugierigem Staunen und mit bewundernder Theilnahme aus das verwandte, aber unendlich schwierigere Streben des hochbegabten Israeliten, ja ließen es sich gerne gefallen, daß seine Uebersetzer oder Recensenten mit der Religion und Abkunft des ^jnif LerUn" wohlfeile Reklame machten. Der Eintritt in die Reihen der deutschen Volksschriftsteller wurde ihm von dieser Seite her nicht erschwert, sein äußerer Erfolg sogar beschleunigt und vergrößert.