Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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38 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. heiten und Religionslehren mit ein, die mit den Gesetzen so innigst verbunden sind, daß sie nur Eins ausmachen . . . Die Gesetze und Lehren verhalten sich gegen einander, wie Körper und Seele. . . . Unter allen Borschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes lautet kein einziges: Du sollst glauben! oder nicht glauben, sondern alle heißen: Du sollst thun, oder nicht thun!" Der Glaube „nimmt keine andern Befehle an, als die den Weg der Überzeugung zu ihm kommen". Man hat die Grundbegriffe des Judenthums in Hauptartikel zusammengefaßt; „zu Glaubenssesseln sind sie. Gottlob! noch nicht geschmiedet worden". Dabei wies Mendelssohn aus das bekannte Wort Hillels hin, mit dem er einen Heiden über das Judenthum belehrte. Was nun das dem Judenthum eigenthümliche sog. Ceremon ialgesetz betrifft, so faßte Mendelssohn dasselbe als eine in den vorgeschriebenen Handlungen bestehendes auf die höheren Wahrheiten hinweisende und das ganze Leben beherrschende Zeichensprache auf ^), wie denn in der That bei einzelnen Geboten der H. Schr. ausdrücklich gesagt ist, daß sie zur Erinnerung dienen sollen, und das ganze spätere jüdische Schriftthum die verschiedenen religiösen Übungen mehr oder weniger vergeistigt, aber allerdings auch daran festgehalten hat, daß die Beobachtung der Gesetze unbedingt erfolgen müsse, wenn uns ihr Grund auch verborgen bleibt. Ausführlich erörterte er in dieser Hinsicht die Nachtheile, zu denen alle Zeichen durch Wort und Schrift mit der Zeit führen mußten, und leitete seltsamer Weise sogar den Götzendienst theilweise aus Mißverständnissen her, die durch die Hieroglyphen entstanden wären. Die göttliche Gesetzgebung unterrichtet durch eine Sprache, die jene Nachtheile verhüten soll. ^) Die Lehrbegriffe Maimonides erklärte bekanntlich, daß Opfergesetze und andere Vorschriften hauptsächlich gegeben wurden, um das Volk von heidnischen uud abergläubischen Sitten und Gebräuchen fern zu halten und das Heidenthum durch Gebräuche, die dem wahren Gotte geweiht sind, von Grund aus zu überwinden. Ganz anders faßte Inda Ha-Levi das Iudenthum und dessen Gesetze auf. Mendelssohn, der in der Grundanschauung von ihm abwich, neigte sich doch dessen gefühlsinniger Auffassung zu. 2) Die positive Richtung Mendelssohns traf mit der Richtung zusammen, die Herder in seiner 1774 erschienenen Schrift: „Die älteste Urkunde des Menschengeschlechts" einschlug; während Herder, von dem Gedanken an eine allgemeine positive Religion geleitet, „natürliche Religion in uud durch Offenbarung, Positive An- und Unterweisung durch den ganzen Bau der Welt und des Menschen" in Eins zu fassen suchte, (Haym, Herder I, 559), ging Mendelssohn von der gewöhnlichen Scheidung beider Arten der Offenbarung aus, betrachtete die natürliche Religion als Gemeingut aller Menschen, die positive als Eigenthum der einzelnen Religionsgemeinschaften. Konnte Mendelssohn auch der betr. Hypothese Herders nicht zustimmen, so dars man doch annehmen, daß er unbewußt durch dessen Anschauungsweise und besonders durch dessen Gedanken über die Art des göttlichen Unterrichts angeregt wurde. In dem Entwürfe der „Betrachtungen über Bonnets Palingenesie" spricht er zwar bereits (Schr. m, 167) von „religiösen Thathandlungen", aber nicht von Vorzügen derartiger Zeichen. Wenn er ferner die Schattenseiten der aus Büchern geschöpften Bildung hervorhebt, wird man unwillkürlich an Recha im „Nathan" erinnert. Er setzte ein ideales Verhältniß zwischen dem Volke und seinen Lehrern voraus, wie es nur im engen Kreise der Schüler und ihrer Lehrer stattfinden konnte.