Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und das Judenthum
Date
1887-01-01
Page
Seite 37 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263057--0044-2263109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. 37 Wahrheiten aus. „Bloß in Absicht auf Geschichtswahrheiten" der Religion, bemerkte er, mochte die „allerhöchste Weisheit die Menschen auf menschliche Weise, d. i. durch Worte und Schrift" unterrichten, „und wo es zur Bewährung des Ansehens und der Glaubwürdigkeit erforderlich war, außerordentliche Dinge und Wunder in der Natur geschehen" lassen. Jene ewigen Wahrheiten der Religion hingegen „lehrt Gott auf eine der Gottheit gemäßere Weise, nicht durch Laut und Schriftzeichen . . ., sondern durch die Schöpfung selbst und ihre innerlichen Verhältnisse, die allen Menschen leserlich und verständlich sind". — „Wenn das menschliche Geschlecht ohne Offenbarung verderbt und elend sein müßte, warum hat denn der bei weitem größere Theil desselben von jeher ohne wahre Offenbarung gelebt?" Nach den Begriffen des wahren Judenthums sind alle Menschen zur Glückseligkeit berufen, und sind ihnen die Mittel und.Wege dazu gegeben. „So oft es nützlich war, hat die Vorsehung unter jeder Nation der Erde weise Männer aufstehen lassen und ihnen die Gabe verliehen, mit hellerem Auge in sich selbst und um sich her zu schauen, die Werke Gottes zu betrachten, und ihre Erkenntnisse Anderen mitzutheilen". Dieses war aber nicht überall Nochwendig oder nützlich. Auch der völlig ungebildete Mensch fühlt oder „hört und sieht vielmehr die alles belebende Kraft der Gottheit überall". Vor Gott reicht auch das Lallen der Kinder und Säuglinge hin, um den Feind zu beschämen; aus ihrem Munde hat er sein Reich gegründet'). Ein anderes — erklärte Mendelssohn — ist geoffenbarte Religion ein anderes geoffenbarte Gesetzgebung, wie sie am Sinai stattfand. Diese betras Geschichtswahrheiten, die „durch Autorität bewährt werden müssen, und durch Wunder bekräftigt werden können." „Wunder und außerordentliche Zeichen", hob er (mit Bezug auf Deut. 13, 2—6 und 18, 15—22 und nach der Erklärung des Maimonides) hervor, „sind nach dem Judenthum keine Beweismittel für oder wider ewige Vernunstwahrheiten". „Ob nun gleich dieses göttliche Buch, das wir durch Mose empfangen haben, eigentlich ein Gesetzbuch sein . . . soll, so schließt es gleichwohl, wie bekannt, einen unergründlichen Schatz von Vernunftwahr- 2) Hier erklärte sich Mendelssohn gegen die von Lessing in der „Erziehung des Menschengeschlechts" angenommene fortschreitende Entwicklung in der Offenbarung der religiösen Wahrheiten, als habe die Vorsehung das menschliche Geschlecht „gleichsam in die Schule geschickt, um aus einem Kinde zum Manne erzogen zu werden (IV, 318). Im Grunde ist das menschliche Geschlecht fast in allen Jahrhunderten Kind und Mann und Greis zugleich, nur an verschiedenen Orten und Weltgegenden". Er sprach überhaupt seine Zweifel an der Berechtigung aller derartigen Auffassungen des Geschichtsgangs aus, meinte aber damit selbstverständlich nur die allgemeine religiös-sittliche Vervollkommnung des Menschengeschlechtes. Als Endzweck der Vorsehung betrachtete er die Erziehung des einzelnen Menschen für seine ewige Bestimmung. Kant widersprach bekanntlich der Geschichtsbetrachtung Mendelssohns. S. Zeller a.a.O.396 ff. Hanptstellen bei Brasch, M. M.'s SchristenII, 427 f. Im Grunde wollte M. nur geschichtsphilosophischen Hypothesen entgegentreten, die eine Vereinigung aller Menschen in e i n e r Religion als das zu erstrebende Endziel hinstellen, und handelte es sich dabei nur um theoretische Erörterungen, nicht aber um die praktische Thätigkeit, bei der er das Wohl der Individuen als nächste und erste Aufgabe betrachtete.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.