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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 36

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und das Judenthum
Date
1887-01-01
Page
Seite 36 (sequence 36)
Language
German
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36 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. weder an Samaria, noch an Jerusalems binden, sondern das Wesen der Religion darin setzen, daß nach den Worten unseres Lehrers die wahrhaftigen Anbeter Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten". Mendelssohn bemerkte, er könnte wohl dieser „Schlinge" ausweichen, indem er, ohne sich auf weitere Untersuchung einzulassen, darauf hinwiese, daß das Christenthum selbst auf dem Judenthume aufgebaut, und wenn dieses fällt, mit ihm stürzen muß. Allein ein solcher „Winkelzug" würde ihm nichts helfen. Denn Herr Mörschel beschuldige ihn in seiner Nachschrift, er habe gezeigt, daß er eben so weit vom Christenthum als vom Judenthum entfernt sei; überhaupt den Glauben an die Offenbarung verwerfe, so daß ein wahrer Christ oder Jude Bedenken tragen müsse, sein Bethaus ein Andachtshaus der Vernunft zu nennen. Mendelssohn wiederholte vor Allem, daß er niemals das Christenthum öffentlich angegriffen habe oder angreifen werde, und versicherte zugleich, daß er neue Gründe gegen die christliche Glaubenslehre nicht vorbringen könnte, und daß auch die Juden keine anderen Nachrichten von der Geschichte des Christenthums besitzen, als die allgemein bekannten. In der Hauptsache aber erklärte er: „Es ist wahr: Ich erkenne keine andere ewige Wahrheiten, als die der menschlichen Vernunft nicht nur begreiflich, sondern durch menschliche Kräfte dargethan und bewährt werden können". Wie aber ist dieses mit dem Judenthume zu vereinigen? Mendelssohn fügte hinzu, daß eben diese Vernunftmäßigkeit der höchsten Lehren einen wesentlichen Punkt der jüdischen Religion bilde. „Um es mit einem Worte zu sagen: ich glaube, das Judenthum wisse von keiner geoffenbarten Religion, in dem Verstände, in welchem Dieses von den Christen genommen wird. Die Israeliten haben göttliche Gesetzgebung, Gesetze, Gebote, Befehle, Lebensregeln, Unterricht vom Willen Gottes, wie sie sich zu verhalten haben, um zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit zu gelangen; dergleichen Sätze sind ihnen durch Mosen auf eine wunderbare und übernatürliche Weise geoffenbart worden; aber keine Lehrmeinungen, keine Heilswahrheiten, keine allgemeinen Vernunftsätze. Diese offenbaret der Ewige uns, wie allen übrigen Menschen, allezeit durch Natur und Sache, nie durch Wort und Schriftzeichen". Daß Mendelssohn die höchsten Wahrheiten der Religion aus der Vernunft allein herleitete und ausschließlich von ihrem Urtheil abhängig erklärte, entsprach der von Leibniz ausgehenden Zeitrichtung, und er konnte seine Überzeugung in dieser Hinsicht ganz unbedingt geltend machen, weil er in seiner Religion sich der Vermittlung mit kirchlichen Dogmen überhoben sah. Ueberraschend war aber seine Auffassung des Judenthums in dessen Eigenart. Er ging dabei von der in der Leibniz-Wolffischen Philosophie gemachten Unterscheidung zwischen ewigen Wahrheiten der Vernunft und zeitlichen (d. h. hier zu bestimmter Zeit geoffenbarten) religiösen Geschichts- Diesen auf Ioh. 4, 19 ff. bezüglichen Worten gegenüber gab M. seiner Schrift den Titel: Jerusalem, um anzudeuten, daß die Grundlage des Judenthums in seiner Besonderheit unerschiittert fortbesteht.

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