Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und das Judenthum
Date
1887-01-01
Page
Seite 31 (sequence 31)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2259275-2259313-2259315-2263057--0038-2263103
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Or. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. 31 Anspruch gemacht haben. . . Ich schweige von der Gefahr, die mit dem Anvertrauen eines solchen Ausschließungsrechtes verknüpft, von dem Mißbrauche, der bei einem solchen Bannrechte, so wie bei jeder Kirchenzucht und Kirchenmacht unvermeidlich ist. . . Ich sehe keine Möglichkeit, den falschen Religionseifer im Zügel zu halten, sobald er diesen Weg vor sich offen findet, denn am Sporne wird es ihm niemals fehlen".') Er schloß diese Betrachtungen mit den Worten: „Zu den erleuchtetsten und frömmsten unter den Rabbinen und Ältesten meiner Nation habe ich das Zutrauen, daß sie sich eines so schädlichen Vorrechtes gern entäußern, auf alle Religions¬ und Synagogenzucht gerne Verzicht thun . . Ach, meine Brüder I Ihr habt das drückende Joch der Intoleranz bisher allzu hart gefühlt, und vielleicht eine Art von Genugthuung darin zu finden geglaubt, wenn Euch die Macht eingeräumt würde, Euern Untergebenen ein gleich hartes Joch aufzudrücken. . . Alle Völker der Erde schienen bisher von dem Wahne bethört zu sein, daß sich Religion nur durch eiserne Macht erhalten, Lehren der Seligkeit nur durch unseliges Verfolgen ausbreiten, und wahre Begriffe von Gott, der, nach unser aller Geständniß, die Liebe ist, nur durch die Wirkung des Hasses mittheilen lassen. Ihr ließet Euch vielleicht verleiten, Ebendasselbe zu glauben . . Danket dem Gotte Eurer Väter, danket dem Gotte, der die Liebe und die Barmherzigkeit selbst ist, daß jener Wahn sich nach und nach zu verlieren scheint. Die Nationen dulden und ertragen sich einander und lassen auch gegen Euch Liebe und Verschonunz blicken, die unter dem Beistande Desjenigen, der die Herzen der Menschen lenkt, bis zur wahren Bruderliebe anwachsen kann. O, meine Brüder, folget dem Beispiele der Liebe, so wie Ihr bisher dem Beispiele des Hasses gefolgt seid! . . Wollet Ihr gehegt, geduldet und von Andern verschont sein, so heget und duldet und verschonet Euch unter einander! Liebet, so werdet ihr geliebet werden!!" 2) Die von Mendelssohn ausgesprochenen Grundsätze fanden, wie es im Zeitalter Friedrichs des Großen, nach den Einwirkungen Lessings und — um einen Ausdruck Shbels zu gebrauchen — nachdem mit Joseph II. die humane Stimmung auf den Thron gekommen, nicht anders zu erwarten war, lauten Beifall von vielen Seiten, nicht am wenigsten von sreigesinnten christlichen Geistlichen. Es war eine durchaus radicale Forderung, die damit an Staat und Kirche gestellt wurde, ein Angriff der Philosophie gegen die Machtbefugnisse der Kirche. Bei früheren Erörterungen der Toleranzsrage, bemerkte Mendelssohn unter Hinweisung auf den „Fragmentisten", habe man an Heiden, Juden, Muhamedaner und Anhänger der natürlichen Religion entweder gar nicht oder nur in der Absicht gedacht, um die Gründe für die Toleranz problematischer zu machen, „und mitleidig war es anzusehen, wie sich die Anhänger derselben winden und krümmen mußten, um dieser Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen". Er betrachtete die von ihm dargelegten Grundsätze nur als folgerichtiges Ergebniß aller Toleranzbestrebungen, sprach seine Bewunderung vor Joseph II. aus, der einen Plan entworfen 1) a. a. O. 198. 199. 2) a. a. O. 201. 202.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.