Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Dr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. das Judenthum abschließenden Schranken galt ihnen als Beginn seines innern Zerfalles. Trotzdem arbeiteten jene Männer unablässig an der Veredlung ihrer Religionsgenossen. Sie erwarteten den Erfolg vornehmlich von der Verbesserung des Jugendunterrichts, von Vereinigungen zu gemeinsamen Zwecken der Bildung, von geeigneten Schriften, von der Abstellung offenbarer Mißbräuche, sowie von dem mächtig eindringenden Zeitgeiste, und zuletzt von der erstrebten Besserung der äußern Lage. Die Juden sollten sich durch alle Tugenden des Bürgers als Söhne des deutschen Vaterlandes beweisen und dadurch alle Borurtheile gegen sie widerlegen. Die Geschichte hat bestätigt, daß dies nicht nur der edelste, sondern auch der einzig mögliche Weg zum Ziele war. Die deutschen Juden haben die Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern nicht als ein Geschenk von oben erlangt; sie ist von ihnen — allerdings auch unter Einwirkung welterschütternder, alle Verhältnisse umgestaltender Ereignisse — durch beharrliche Anstrengungen errungen worden und mußte ihnen zugestanden werden, nachdem sie in Jahrzehnten eingeholt hatten, was Jahrhunderte hindurch versäumt worden war. Sie betheiligten sich an allen gemeinnützigen und vaterländischen Bestrebungen, errichteten Schulen, in denen die väterliche Religion in zeitgemäßer Weise gelehrt und mit der neuen Bildung vereinigt wurde, beförderten unter ihrer Jugend die Erlernung von Handwerken, Künsten und Wissenschaften und bewiesen ihren Opfermuth in den Kämpfen für die Befreiung des Vaterlandes. Sie zeigten, daß sie der ihnen versagten Achtung und Ehre als Bürger wohl würdig wären, und die Wirkung des Zeitgeistes war inzwischen so stark und allgemein geworden, daß man ihnen aus dem Grunde der Religionsverschiedenheit nicht länger ihre Rechte vorenthalten oder schmälern konnte. Dieses ist in Kürze die Geschichte der Gleichstellung der deutschen Juden mit ihren christlichen Mitbürgern, die mit Mendelssohn beginnt, und man darf wohl sagen, daß der edle Sinn, mit dem er und seine bedeutendsten christlichen Zeitgenossen vorangegangen, sich im Großen und Ganzen durch sie hindurchzieht und ihr den eigenartigen Charakter giebt. Die Hauptfragen, die hierbei in Betracht kommen, wurden schon zur Zeit Mendelssohns erörtert und bilden Momente seiner Lebensgeschichte, sofern er als Jude in die Öffentlichkeit trat und seine schriftstellerische Thätigkeit die Juden und das Judenthum betraf. So gleich anfangs die Grundfrage wegen der Bildungsfähigkeit und sittlichen Würdigkeit der Juden, welche Lessing mit seinem 1749 (also vor seinem 1752 erfolgten Zusammentreffen mit Mendelssohn) verfaßten und 1753 veröffentlichten Lustspiel: „Die Juden" zur Sprache brachte. Durch die Hauptperson, den unbekannten gebildeten und edelmüthigen Reisenden, der eine dem Scheine nach von Juden versuchte Unthat verhindert und sich zuletzt als Juden zu erkennen giebt, zeigte Lessing die Ungerechtigkeit eines Vorurtheils, welches eine ganze Klasse von Menschen ohne Untersuchung und Unterscheidung verurtheilte. Johann David Michaelis urtheilte in den Göttinger gel. Anzeigen über das Stück mit gewundenen, den allgemeinen Judenhaß zwar bedauernden, aber den Juden doch die Fähigkeit zu edlen Handlungen absprechenden Worten. „Der unbekannte Reisende",