Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. 17 bemerkte er u. a., „ist in allen Stücken so vollkommen gut . . . gebildet, daß es zwar nicht unmöglich, aber doch allzu unwahrscheinlich ist, daß unter einem Volke von den Grundsätzen, Lebensart und Erziehung, das wirklich die Begegnung der Christen auch zu sehr mit Feindschaft, oder wenigstens mit Kaltsinnigkeit gegen die Christen erfüllen muß, ein solches edles Gemüth sich gleichsam selbst bilden könne . . . Aber auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich bei diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dasselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bei den Grundsätzen der Sittenlehre, welche zum wenigsten der größte Theil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich, sonderlich da fast das ganze Volk von der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Versuchung zum Betrüge giebt als andere Lebensarten." ') So vermischte ein sonst sreidenkender Gelehrter die ästhetische Kritik des Stückes mit einer tief verletzenden Anklage gegen die Juden, welche die von Lessing beabsichtigte Wirkung abschwächte und in seltsamer Befangenheit auf die Ursachen der von ihm so abschreckend geschilderten Folgen hinwies und doch mit diesen wieder die Fortdauer jener Ursachen rechtfertigte. Damit wurde den Juden alle Zukunft abgesprochen, und diejenigen in ihrer Mitte, die davon Kenntniß nahmen, zumal die Männer, die sich deren Bildung und Erhebung zur Lebensaufgabe gemacht hatten, mußten Scham und Entrüstung empfinden. Und da ist es bemerkenswert^ daß es Mendelssohn war, der diesen Gefühlen den Ausdruck gab und den Lessing, ohne seinen Namen zu nennen, als eines der Beispiele aus dem wirklichen Leben für die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer Person, wie er sie geschildert hatte, aus der Verborgenheit hervortreten und das Wert ergreifen ließ. In dem noch heute in seiner ganzen Ausdehnung lesenswerthen Briefe Mendelssohns an vr. Gumperz, den Lessing in seiner Antwort an Michaelis veröffentlichte und der so recht zeigt, was das Herz der aufstrebenden Juden bewegte, schrieb er u. a.„Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf so manche grausame Art empfinden müssen; sollen auch diese Ungerechtigkeiten wider uns durch grausame Verleumdungen gerechtfertigt werden? — Man fahre fort uns zu unterdrücken, man lasse uns beständig mitten unter freien und glückseligen Bürgern eingeschränkt leben, ja man setze uns ferner dem Spotte und der Verachtung aller Welt aus; nur die Tugend, den einzigen Trost bedrängter Seelen, die einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man uns nicht gänzlich abzusprechen. . . So ist alle unsere Sittlichkeit dahin! So regt sich in uns kein Trieb mehr für die Tugend? So ist die Natur stiefmütterlich gegen uns gewesen, als sie die edelste Gabe unter den Menschen ausgetheilt, die natürliche Liebe zum Guten! Wie weit bist Du, gütiger Vater, über solche Grausamkeit erhaben? — Ich gebe einem Jeden zu bedenken, ob Sie nicht die Rolle des Juden im Schauspiel übernommen hätten, wenn Sie auf Ihrer gelehrten Reise in seine ') Lessings Schr. (Ausg. v. Lachmann) IV, 218. -) M.s Schr. III, 476 ff. Zeitschr. f. d. Gesch. d. Juden i. Deutscht.