Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. 15 Wie aber die Werke Plates durch die in ihnen hervortretende, philosophisch vertiefte und dichterisch verklärte Person des Sokrates einen ganz besondern Reiz haben, so übten auch die Schriften Mendelssohns eine um so größere Wirkung, weil die Leser sich den zu ihnen sprechenden Weisheitslehrer vergegenwärtigten, der zwar nicht ähnliche Erinnerungen wie Sokrates durch sein tragisches Ende erweckte, aber als ein auf solcher Höhe stehender Jude bewundert wurde. Strebsame jüdische Männer und Jünglinge verehrten Mendelssohn in dem Grade, daß sie sich glücklich schätzten, nur ein Wort aus seinem Munde zu vernehmen, sich mit Stolz seine Schüler nannten und eine seine Wirksamkeit ausbreitende und fortsetzende Schule bildeten. Mit welcher Verehrung sie zu ihm emporschauten, zeigt sich in ihren Schriften, namentlich auch in der von Isaak Euchel verfaßten hebräischen Biographie Mendelssohns. Nicht bloß mit Mose ben Maimon verglichen sie ihn, sondern auch neben Mose, dem Sohne Amrams, wurde in überschwenglicher Weise sein Name genannt. Sie hatten das freudige Gefühl, daß mit ihm eine lang ersehnte Zeit der Erlösung für das von außen bedrückte und im Innern entstellte Judenthum beginne. 6. Verschuldungen einzelner Juden wurden von jeher dem ganzen Judenthum zur Last gelegt. Ja, man ging sogar in die fernste Vergangenheit zurück, um die unverbesserliche Verderbtheit der Juden zu beweisen. Noch zu Mendelssohns Zeit hat man ihnen die Widerspenstigkeit und Hartnäckigkeit ihrer Vorfahren in der Wüste, sowie überhaupt ihren häufigen Absall von Gott vorgeworfen, während doch gerade ihre religiösen und sittlichen Vergehen von den Männern des Geistes, nach welchen allein ein Volk zu beurtheilen ist, mit unerbittlicher Strenge gerügt wurden. Im Judenthume galt der Grundsatz: „Alle Israeliten sind für einander verpflichtet und verbürgt", das heißt: sie sollen eine heilige Gottesgemeinde bilden und jeder soll dazu beitragen, daß sie diese Aufgabe erfüllen. Dieser Satz wurde ihnen stets von ihren Gegnern in der schlimmsten Bedeutung in Erinnerung gebracht, indem, sobald nur ein Jude sich einer auffallenden schlechten That schuldig gemacht hatte, auch die Juden insgesammt angeklagt wurden. Mendelssohn und seine Freunde wirkten im Vertrauen auf den in ihren Religionsgenossen lebenden guten, wenn auch oft irregeleiteten Sinn, in der Überzeugung von den reinen und edlen Grundsätzen ihrer Religion. Sie verhehlten sich aber deshalb die großen Schwierigkeiten nicht, welche dabei unter den Juden zu überwinden waren. Galt doch schon das Lesen eines deutschen Buches als Zeichen der beginnenden Entfremdung von der väterlichen Religion! Und wurde doch später Mendelssohns in hebräischer Schrift gedruckte rein deutsche Übersetzung des Pentateuchs vielfach verketzert und von sonst höchst achtbaren, durch Tugenden ausgezeichneten Rabbinern mit dem Banne belegt! Strenggläubige Juden betrachteten jede Abweichung von dem Herkommen als eine Gefahr für die Religion, und gar der Eintritt in die Zeitbildung und die Beseitigung der