Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Dr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Judenthum. verlangenden Sinne, der aber die Gegensätze nicht äußerlich zu vereinigen, sondern auf dem gemeinsamen, im Widerstreite unbeachtet gebliebenen Grunde, in der Tiefe des Wahrheitsstrebens, das jeder redlichen Überzeugung zuerkannt werden muß, zu vermitteln suchte, achtete er auch auf den unscheinbarsten Keim der Erkenntniß, auf jede einen Fortschritt verheißende Regung in der Geistesströmung seiner Zeit. Von dem Gedanken ausgehend, daß, wie ebenfalls Lessing sagte, kein Mensch die ganze und volle Wahrheit zu erkennen vermag, fühlte er sich befriedigt, wenn nur ein Strahl der Wahrheit seinen Geist erleuchtete, wenn nur die höchsten und heiligsten Ideen der Menschheit unerschütterlich waren. Lessing spürte den Jrrthum in seinem dunklen Verstecke auf, um ihn ans Tageslicht zu ziehen, zur Rede zu stellen und ihn. mit scharfer Waffe zu treffen; Mendelssohn schonte auch die irrigen Überzeugungen, die mit einer wichtigen Wahrheit zusammenhingen, und strebte, den Jrrthum dadurch zu überwinden, daß er die Wahrheit an und für sich verbreitete. Indem er mit einem gewissen künstlerischen Sinne die Welt betrachtete, fand er überall reichlichen Bildungsstoff, sammelte ihn und vereinigte ihn neugestaltend in seiner eigenartigen Persönlichkeit, durch die er eine viel größere Wirkung übte, als ihm durch ein neues System der Philosophie möglich gewesen wäre. Er war ein Eklektiker und Popularphilosoph im besten Sinne des Wortes. Seine bedeutendsten Werke, Phädon, Jerusalem, die Morgenstunden, behaupten ihren dauernden Werth nicht allein durch die klare, faßliche, bündige und zugleich anmuthige Sprache und durch die kunstmäßige Darstellung schwieriger philosophischer Gegenstände, mit der er ein auch von Kant bewundertes Muster gab, sondern vornehmlich dadurch, daß wir in ihnen die Worte eines Weisen vernehmen, der mit uns denkt und forscht, uns ein Führer auf dem Wege ist, den er für sich selbst gesucht und als den besten erkannt hat. ') Wer eine dieser Schriften liest, fühlt sich in der Nähe eines weisen und edlen Menschen und freut sich seines Umgangs, der uns in gleicher Weise anregt, wie man sich die erziehliche Einwirkung der alten griechischen Weltweisen auf ihre Schüler denkt. Mendelssohn giebt nicht fertige Resultate der Erkenntniß, sondern läßt sie finden und, wie er selbst von Lessing rühmte, durch eigenes Nachdenken „verdienen", und wenn er mit Ruhe und Besonnenheit unsere Begriffe aufgeklärt, uns ihren Zusammenhang gezeigt und alle Folgerungen mit der ihn auszeichnenden Verstandsschärfe gezogen hat, so spricht dann sein Herz und wir fühlen die wohlthuende Wärme des Wahrheits¬ und Menschenfreundes. Nicht ein zersetzender Witz, wohl aber zuweilen eine über das Kleinliche und Gemeine erhabene Ironie, nicht das selbstgefällige Spiel eines reichbegabten Geistes herrscht in seinen Schriften, sondern überall spricht aus ihnen Seele und Gemüth. Was Moritz von dem persönlichen Umgange mit Mendelssohn sagt: „Nie ist vielleicht Einer ungebessert von ihm gegangen" — das gilt auch von der Wirkung seiner Schriften. Es war eine unzutreffende Vergleichung, wenn man ihn — hauptsächlich in Rücksicht auf den „Phädon" — einen Sokrates nannte. Vgl. Lazarus im Less.-Mendelss.-Gedenkb., S. 106 ff.