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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 250

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1937-01-01
Page
Seite 250 (sequence 3)
Language
German
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Literatur Spannungen und die sich aus ihnen ergebenden Kämpfe innerhalb des gemeindlichen Lebens. Zwei Fragen stehen im Mittelpunkte der Untersuchung Cohens, die nach Gehalt und Umfang weit mehr als nur eine biographische Darstellung des Mannes ist, der sich als Sohn des Chacham Zewi ben Jakob, des erbittertem Gegners des Abenteurers Nehemia Chi ja Chajoon, als sein Erbe im Kampfe gegen den Sabbathianismus fühlte und sich mit Stolz „kannai ben kannai" — Eifrer, Sohn des Eifrers —nannte. Mit den wissenschaftlichen Mitteln der Individualpsychologie5) sucht Cohen eine Antwort auf die Frage: Wie erklärt sich die sich ständig steigernde und übersteigernde, auch nicht vor den furchtbarsten (sonst nirgends nachweisbaren) Anklagen gegen seinen verhaßten Gegner zurückschreckende Gereiztheit und Erbitterung Emdens und seine bis hart an die Grenzen des Verfolgungswahns heranreichende „Eigenart", die Graetz als „Ketzerriecherei6) charakterisiert hat? Welches sind andererseits die sozialen, politischen und kulturellen Hintergründe, vor denen sich die äußeren Ereignisse des Amulettenstreites abspielen? Professor S. Zeitün, der dem Buche seines Schülers ein Vorwort beigegeben hat, gebraucht zur Erläuterung und Bewertung dieser Hintergründe das Bild, daß der Streit selbst nur ein „Rauchvorhang" (smoke-screen)7) gewesen sei, hinter dem sich anderes, wichtigeres und für die weitere Entwicklung bedeutungsvolleres verbarg. Das wissenschaftliche Material, aus dem Cohen das psychologische Bild Emdens formt, entnimmt er Emdens Autobiographie „Megillath Sefer"8). Sie ist das interessante Zeugnis einer schonungslosen Selbstenthüllung ihres Verfassers, und aus ihr ergibt sich für Cohen das Bild eines stets kampfbereiten und kämpf willigen Mannes — „a man of controversy" —, das zum Schlüssel für das Verständnis seiner Persönlichkeit und seines Wirkens wird. Waren an sich schon die Voraussetzungen für einen Zusammenstoß zweier so verschiedener Charaktere und Temperamente, wie Emden und Eibeschütz9), im engen Räume gemeinsamen Wohnens und Wirkens unschwer gegeben, so mußte bei der Hemmungslosigkeit und Unberechenbarkeit Emdens das Aufeinanderprallen der Gegensätze zur Katastrophe führen. Um den Charakter Emdens zu untersuchen und seine krankhafte Psyche zu erweisen, leuchtet Cohen in seine intimsten und privatesten Lebensbezirke hinein. Der Verfasser selbst und auch Zeitlin im Vorwort haben sich gewissenhaft die Frage vorgelegt, ob es notwendig ist, in einer geschichtlich-wissenschaftlichen Arbeit über Dinge zu sprechen, die so persönlich sind, wie gewisse sexuelle — oder besser: sexual-pathologische — Erscheinungen im Leben eines Mannes. Rein instinktiv werden wir sagen, daß diese Fragen und ihre Erörterungen die Nachwelt nichts angehen und besser nicht diskutiert werden sollten, zumal da sie im Verhältnis zu den großen Fragen der Gesamtheit in ihrer Bewertung oft mehr als fraglich sind. Aber wir werden auch die Berechtigung der folgenden Sätze (S. 13) nicht bestreiten können: „Es ist die Pflicht des Historikers, dem inneren Leben eines Mannes nachzugehen, der führend in seiner Gemeinschaft gewesen ist. Nur auf diesem Wege kann manches in seinem Verhalten aufgeklärt und manches Licht auf die Entwicklung der Ereignisse geworfen werden. In ihrer Generation aber waren Jakob Emden und Jonathan Eibeschütz die führenden Männer." Emden hat, wie er oft bekundet, sich zeitlebens als ein seelisch und körperlich kranker, vom Vater her belasteter Mensch empfunden. „Mein Herz war immer leicht erregt, oft verließen mich meine Kräfte, und ich verfiel häufig 5) Die umfangreiche Bibliographie, die Cohen gibt, weist auf eine Fülle der von ihm benützten neuzeitlichen Literatur zur Psychologie und Psvcho-Pathologie hin. VgL S. 279—281. «) Graetz, a.a.O. X. S. 367. 7) Cohen, p. 13. 8) Megillath Sefer. Warschau 1896. 9) „Eibeschütz war friedlich, schmiegsam, leichtlebig und gefällig, Emden unverträglich, rücksichtslos, eigenbrötlerisch." Graetz a. a. O. X. S. 366, 367. ") Cohen, p. 267. p. 13. 250

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