Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 4)
- Language
- German
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Literatur in Melancholie. Nicht einmal, nein hundertmal stand ich am Rande des Todes; bis auf den heutigen Tag habe ich nirgends Ruhe in der Welt gefunden, keine Freude, kein Glück! — Ja, ich haßte das Leben, ich verabscheute es." Das enttäuschende Erlebnis einer Jugendliebe wirkt sein ganzes Leben in ihm nach, seine drei Ehen waren unglücklich, und immer wieder beklagt er seine physischen und psychischen Mängel. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, aus einer Reaktion gegen das eigene Gefühl der „Minderwertigkeit" glaubte er in sich den von Gott bestimmten Sendboten im Kampfe gegen den ketzerischen Sabbathianismus oder gegen das, was er dafür hielt, zugunsten Gottes zu sehen (Cohen, p. 275). Er verdächtigte jeden, der ihn in seinem Kampfe und seinen Angriffen gegen Eibeschütz herausforderte, sein Leben war erfüllt vom Ringen mit einem Phantom, das er, zumindest so, wie er es häufig darstellte, sich selbst in seiner krankhaft überhitzten Phantasie geschaffen hatte. Zu einem solchen Urteil kommt Cohen aufgrund seiner bis in die scheinbar unbedeutendsten Einzelheiten hineinleuchtenden Forschung, und so entsteht ein Bild Emdens, das ebenso wie die Zeichnung der Persönlichkeit von Eibeschütz in vielem anders aussieht, als wir es bisher gesehen haben. Es war ein besonderes Unglück für Emden und seine Umgebung, daß sein unglückliches Temperament, sein krankhafter Geist auf eine Zeit reagieren mußte, die in den Erscheinungen des jüdischen sozialen, kulturellen und religiösen Lebens gleichfalls erheblich von der Norm abwich, und gerade deswegen gesteigerte Ansprüche an die Kraft und den Willen der führenden Männer stellte. Im Rahmen dieser Besprechung kann nicht die Linie der geschichtlichen Entwicklung aufgezeichnet werden, die Cohen als Ergebnis seiner soziologischen und ökonomischen Betrachtungsweise von den Verhältnissen in der „Dreigemeinde" entwickelt. Nur das sei gesagt: in Wahrheit spielt sich hinter dem „Rauchvorhang" des Amulettenstreites ein Kampf zwischen zwei Klassen um Führung und Herrschaft in der Gemeinde ab. Die ärmeren Schichten versuchten die Führerschaft an sich zu reißen, während die Reichen um die Erhaltung dieser Führerschaft für sich kämpften. Eibeschütz war der Repräsentant der ärmeren Klassen, um Emden scharten sich die Wohlhabenden und sozial Höherstehenden. Cohen (p. 14) stützt seine Behauptungen auf ein großes Material als Ergebnis seines tief schürfenden, sorgfältigen Studiums der Zeit. Zeitlin glaubt sogar den Kampf der Klassen um die entscheidende Leitung der Gemeinde im ganzen Ablauf jüdisch-geschichtlicher Entwicklung sehen zu, können. Im 18. Jahrhundert aber wurde, nach dem Zusammenbruch der Bewegung Sabbathai Z'wis und nach dem völligen „Versagen der jüdischen Führerschaft", dieser Kampf um die Vorherrschaft besonders erbittert. Nach dem Erdbeben von Lissabon (1755), das einen großen Einfluß auf das Hamburger Wirtschaftsleben hatte und viele reiche jüdische Kaufleute finanziell ruinierte, verloren diese Einfluß und Führung in der Gemeinde. Die „Aristokratie" büßte ihre innere Kraft ein, und die ärmeren Klassen versuchten die Macht den Händen der Parnassim und Rabbiner zu entreißen. „In Emden glaubten die konservativen Kreise der Dreigemeinde den Mann zu finden, der ihren Kampf gegen Eibeschütz und die, die hinter ihm standen, organisieren und durch Wort und Schrift stützen konnte. Emden wußte nicht, daß er das Spiel der Führer der Dreigemeinde förderte und vorwärts trieb, das darauf abzielte, Eibeschütz zu vernichten, nicht wegen seiner Sabbathianischen Ketzerei, sondern weil sie glaubten, so die Ideologie der Massen vernichten zu können." Psychologische, individuelle und soziologische Kräfte kreuzen sich im Ablauf ihrer Aktionen. Ihr Schnittpunkt ist dort, wo wir den Amulettenstreit mit seinen verheerenden Nebenerscheinungen und Wirkungen erleben. Cohen schließt sein Buch mit einem Satze, der uns in einem exakt wissenschaftlichen Werke vielleicht etwas romanhaft erscheinen mag, aber gerade nach all dem Unerfreulichen, Abstoßenden, Haßerfüllten wohltuend und versöhnend wirkt. „Auf einem kleinen Friedhof ruht der Staub ,zweier Kämpfer für die Thöra', deren Streit einst die Herzen ihrer Generation in Aufruhr versetzte. Im Leben waren ihre Schicksale durch ein seltsames, unerklärliches ,Fatum' miteinander verflochten. Im Tode liegen sie nur sechs Gräber voneinander entfernt — ein Symbol und eine Warnung!" Berlin. Ernst Fraenkel. 251