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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 249

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1937-01-01
Page
Seite 249 (sequence 2)
Language
German
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Literatur sich geschlossene Ghettokultur überhaupt die Aufklärungsbewegung in die Schranken, die mit dem Namen Moses Mendelssohns verbunden ist1). Es ist ein trauriges Bild, das die Geschichte der Juden in dieser Zeit dem Betrachter darbietet. In einer kritischen Epoche, in der sich eine neue Welt zu formen anschickte, deren Umrisse sich in der Ferne am politischen, sozialen, geistigen und religiösen Horizont bereits abzuzeichnen begannen, und in der die Juden einer starken und geistig aufgeschlossenen Führung bedurft hätten, mangelte es mit wenigen Ausnahmen an Persönlichkeiten, die durch geistige und sittliche Autorität die Berufung zur Führung gehabt hätten. So, ohne des Weges kundige Führer, ohne tiefere allgemeine Bildung2), fiel die Judenheit willenlos unfruchtbaren Streitigkeiten und Kämpfen anheim, entwürdigte sich vor sich selbst und vor der Umwelt. Das Ereignis, das die Verfallserscheinungen der Zeit um die Mitte des IS. Jahrhunderts am deutlichsten und nachhaltigsten zum Ausdruck brachte, ist der Hamburger Amulettenstreit zwischen Jakob Emden und Jonathan Eibeschütz. Der erbitterte Kampf zwischen diesen beiden Männern und seine die gesamte Judenheit der damaligen Zeit ergreifenden Rückwirkungen enthüllten den Zwiespalt innerhalb des zeitgenössischen Rabbinertums. Der Verlauf dieses Kampfes und damit zugleich die Charakterisierung der beiden führenden Persönlichkeiten sind ebenso wie die „Schuldfragen" in jüdisch-geschichtlichen Gesamtdarstellungen und in monographischen Abhandlungen3) wiederholt behandelt worden. Aber sei es, daß, wie bei Graetz, durch sehr stark zutage tretende Zu- und Abneigung und ebenso stark subjektiv gefärbte Urteile der kritische Blick bei der Wertung und Würdigung von Ereignissen und einzelnen Menschen getrübt wurde, sei es, daß das Spiel der politischen, sozialen und ökonomischen Kräfte durch das Fehlen des erst später durch M. Grunwald veröffentlichten wertvollen archivalischen Materials4) noch nicht genügend klar erkannt werden konnte, es blieb im Bereich des Persönlichen und des Allgemeingeschichtlichen noch manche Frage ungeklärt; manches, was nur Vermutung war, bedurfte noch des Beweises durch die Ergebnisse kritischer Forschung. Nunmehr hat ein jüdischer Gelehrter in Amerika in einem großangelegten und tief fundierten Werke das Problem Emden—Eibeschütz nach allen Richtungen hin untersucht und dabei eine neue und — für die jüdische Geschichtsschreibung teilweise neuartige — Methode angewendet. Durch seine Forschungen wird ein neues und helleres Licht auf den „Amulettenstreit" und seine persönlichen und politisch-sozialen Motive geworfen. Darüber hinaus aber vermittelt uns der Verfasser ein ungewöhnlich aufschlußreiches und trotz all seiner bedrückenden und oft auch abstoßenden Einzelheiten fesselndes Bild, das durch die lebendige Art der Darstellung und die temperamentvolle Sprache seine besonderen Farben erhält. Aus dem Rahmen der biographischen Darstellung tritt in plastischer Klarheit das geistige und soziale Leben in den jüdischen Gemeinden Deutschlands und besonders der „Dreigemeinde" Hamburg— Altona—Wandsbeck während des 18. Jahrhunderts hervor. Wir lernen ihre Menschen und Führer kennen und erleben anschaulich die gesellschaftlichen ') S. Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, VII, S. 357. 2) Graetz a.a.O. X. S. 297, vgl. Dubnow VIII, S. 437. 3) Graetz X. S. 365 f. und Note 7 S. 510 ff., wo besonders über „Eibeschütz und sein Verhältnis zum Sabbatianismus" ein „historisches Zeugenverhör angestellt" wird. Dubnow VII S. 354. Vgl. auch Graetz, „Einige handschriftliche Briefe von J. Eibeschütz", MGWJ XI. (1867), S. 421 f. D. Kaufmann, „R. Jakob Emdens Selbstbiographie", MGWJ XLI, 1897, S. 333 f. J. Cohn, „Ehrenrettung des R. Jonathan Eibeschütz", in Blätter aus der Michael Davidschen Stiftung Hannover 1870. Duckesz, Iwvvah Iemoschaw, S. XI ff., 29ff. Weitere Literatur in Encyclopaedia Judaica VI, 314. *) M. Grunwald, „Die Juden als Streitobjekte zwischen Hamburg und Dänemark", in: Aus dem Hamburger Staatsarchiv o. D.; derselbe, Hamburgs deutsche Juden. Hamburg 1904, u. derselbe in Mitteil. d. Ges. für jüd. Volkskunde, Hamburg 1903, S. 89 ff. 249

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