Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte der Juden in den schwäbischen Reichsstätten
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 2)
- Language
- German
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Miszelle Der Untertitel „ein Beitragzur Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters" ist wohl etwas zu weit gefaßt. Dicker hat dabei die Tätigkeit des „Stadtbankiers" Jäcklin (Kap. 3), den Nübling „vielleicht eine der interessantesten Figuren aus der überaus reichbewegten Judengeschichte des 14. Jahrhunderts" nennt, und die Judenschuldentilgungen der Jahre 1385 und 1390 im Auge. Beide Abschnitte bilden einen Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Ulms. Im Literaturverzeiciinis vermisse ich die Vorarbeiten von Schweizer, Die israelitische Gemeinde in Ulm (Israelit 1910, Nr. 31, 33, 35, 39, 42), Rieger, Die Juden in Ulm bis zu ihrer Ausweisung im Jahre 1499 (Gemeindezeitung für die israelitischer. Gemeinden Württembergs 1925, Nr. 6), beide mit Benutzung des Ulmischea Urkundenbuchs, und Kornbeck über das Ulmer Steuerbuch 1427 (Württembergische Vierteljahreshefte für d. Landesgeschichte VIII, 18S5, S. 79). Die erste Erwähnung Jäcklins in Ulm (S. 25 zum Jahre 1375 aus Pressel) läßt sich etwas früher nachweisen. Der Augsburger Rat sandte 1373 einen B^ten nach Ulm „zu dem Huntfuzz, das er erfur an Jecklin dem Juden, ob man im von dez hertzogen wegen dez kaißers stiur versprochen het" (Stadtarchiv Augsburg, Baumeisterbuch 1368—79). Der Herzog ist Friedrich von Bayern, der zusammen mit dem Grafen Eberhard von Württemberg die von Kaiser Karl IV. den Reichsstädten und deren Juden auferlegte Schätzung einzog. In Ulm quittierte Eberhard über 10000 Gulden, welche die Stadt als Einnahme von den Juden entrichtete (S. 22). Auch die Augsburger Juden zahlten 10 000 Gld. Das waren ansehnliche Summen, eine schwere Belastung. Um das Geld zu erlangen, nahm Augsburg seine Juden gefangen, wahrscheinlich wurde den Ulmer Juden dasselbe Schicksal zuteil. Wenn die Juden 10000 G!d. zahlten und die Stadt selber 72 000 (oder 36 000? Städtechroniken IV, 32), ist ein hoher Vermögensstand der Juden ersichtlich. In Augsburg ist das Verhältnis noch krasser, dort zahlte die Stadt nur 37 000 Gld. Der Ulmer Rat sandte 18 000 Gld. nach Nürnberg, wo am 20. August 1373 der Prager Bürger Eberhard von Mülhausen den Empfang quittierte (Hauptstaatsarchiv München, Reichsstadt Nürnberg fasc. 42). Wieviel Judengeld in der Teilzahlung steckte, ist unbekannt. Nicht nur Ulm, auch Augsburg war an Jäcklin Geld schuldig, wie folgende Eintragung des Augsburger Baumeisterbuchs zum Jahre 1377 zeigt: „Item wir haben geriht Jaeklin dem Juden ze Ulme 1500 guidein und 90 guidein, die sind ze schaden gestanden 12 wochen uf ieden guidein alle wochen zwen haller. Item wir haben ze gesuch geriht 71 guldein on daz man ym noch schuldig wirt. Dez ist 62 guidein, ieder guidein gerait umb 21 ß haller. Nota, item wir haben geriht 100 g. und 33 g. ze gesuch dem Jaeklin ze Ulme." Wie die Reichsstadt Ulm durch Erwerbung der Herrschaft Werdenberg zu Groß-Ulm wurde, ist bei Nübling S. 327 ff. und kürzer bei Dicker S. 25 ff. ausgeführt. Die Ulmer Juden waren hieran durch die Schulden, welche die Grafen von Werdenberg bei Jäcklin und dem Juden Meyer, sowie bei der Jüdin Kellin gemacht hatten, beteiligt. Bei diesem Meyer lieh auch Augsburg Geld. Das erwähnte Baumeisterbuch notiert zum Jahre 1374: „Item wir haben Mair dem Juden ze Ulm bezalt 800 guidein hauptguez, die ym die stat schuldig waz, dorumb er einen brief hat. Doruf ist ze gesuch gangen 300 und 55 guidein, die wir ouch bezalt haben." Wenn so hohe Zinsen aufliefen, mußte die Kontrahierung der Schuld lange zurückliegen. Richtig hat Dicker, S. 23, erkannt, daß die Ächtung Jäcklins 1376 durch Kaiser Karl IV. sich gegen die Interessen der Stadt Ulm richtete. Durch ein Versehen wurde die Achturkunde 1376 Sept. 5 nicht ins Ulmische Urkundenbuch aufgenommen, Pressel hat sie in seiner Geschichte der Juden in Ulm, S. 31—32, veröffentlicht. Ein Abdruck erschien schon vorher, was Pressel und Dicker unbekannt blieb, durch Schott im Literaturblatt des „Orient" 1850, Sp. 668—69 (Schott war übrigens der erste Rabbiner, der über die Geschichte von Judengemeinden Deutschlands im Mittelalter schrieb. Siehe meine „Quellenkunde" Nr. 792 und 802). Ende 1380 zog Jäcklin nach Konstanz, wo er sich vorher Aufenthaltsrecht gesichert hatte. 1382 ist er wieder in Ulm, dann ging er nach Nördlingen. Hier wurden am 25. Juli 1384 alle Juden erschlagen. Dem Tode entging Jäcklin, da er kurz vorher, am 21. Juli, in Nürnberg Bürger geworden war, wo seine Söhne Feifelein (Viflin) und Ysack nebst seinem Schwiegersohn Ysaak von Straßburg bereits ansässig waren. Die Übersiedlung von Ulm nach Konstanz bringt Dicker S. 29 mit einer von Zunz berichteten 244