Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 30)
- Language
- German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Lob Gottes, der wundervoll uns erhalten und unser sich annimmt. Laßt uns beten für das Wohl unserer Fürsten97) . . ., auf daß wir immer mehr in den Stand gesetzt werden, unsere Würde als Menschen wieder zu fühlen" (II, 1, 158). „Noch ist Zions Harfe nicht ganz verstummt, und Deutschland ist für uns kein Babel, daß wir, wie unsere früheren Väter dort, gottlob hier nicht sprechen dürfen: Wie sollen wir das Lied des Herrn auf fremdem Boden singen?" (VI, 2, 41). Aus der Antike war das jüdische Volk als das einzige übrig geblieben, das Religiöses und Nationales sich als Einheit bewahrt hatte. Jetzt, seit der Emanzipation, war es zur Religionsgesellschaft geworden98). Als solche glaubte es, „sich den Ansprüchen des Staates und der Religion gemäß recht gut behaupten zu können, ohne der Pflicht eines Bürgers im mindesten zu nahe zu treten, denn die Juden können als wahrhaft fromme Juden ebensogut echte deutsche Bürger sein wie Katholiken und Protestanten"99) (VIII, 88 ff.). Tatsächlich wurden die Juden zwar gute Bürger, aber nur zu häufig in gleichem Maße schlechte Juden — oder Christen. Fränkel sagt schon 1807 in Vergessenheit des alten Bundes: „Wir machen von nun an kein Ganzes mehr aus, sondern sind als Bürger bloß einzelne Glieder des Staates" (I, 1, 381). Er konnte sich bei dieser Äußerung allerdings auf das Pariser Sanhedrin berufen, das ausdrücklich erklärt hatte, daß das Judentum keinen Nationalkörper mehr bilde (I, 2, 14, 378). Simon von Geldern hat dann im VI. Jahrgang (I, 145) diese Frage noch einmal aufgenommen. Er nennt die Bezeichnung Nation, die bis zur Begründung des Konsistoriums auch in der Sulamith gebraucht wurde100), für die israelitischen Glaubensbekenner höchst schädlich und verderblich: Soll ihr politischer und moralischer Zustand umgeformt und verbessert werden, so darf nichts vom Nationalen, nichts von ihren ehemaligen widrigen Verhältnissen übrig bleiben. Worte und Zeichen müssen aufhören. Auch der Name Jude müsse tunlichst vermieden werden, da diese Benennung keine religiöse, sondern eine politisch-geographische sei. Judäa existiere nicht mehr, folglich könne niemand nach einem Land genannt werden, das gar nicht mehr da ist. Die Juden seien eine Glaubenspartei und müßten daher Israeliten genannt werden101). In den letzten beiden ' Jahrgängen wird zwar dennoch Palästina erwähnt, aber vor allem deswegen, weil ein Erdbeben, das dort 1837 stattfand, allgemeine Teilnahme hervorgerufen hat (VIII, 212 ff.; IX, 152). Es ist bezeichnend, daß zwei Gedichte über Palästina, die in der Sulamith abgedruckt sind, von einem getauften Juden, dem zu seiner Zeit viel gelesenen Österreicher Karl Beck, und von Lord Byron stammen (VIII, 211; IX, 157). Der Gedanke einer etwaigen Rückkehr nach Palästina wird mit Gründen abgewiesen, die schon Mendelssohn in seinen „Anmerkungen zu des Ritters Michaelis Beurteilung der Dohmschen Schrift über die bürgerliche Verbesserung der Juden" angeführt hat. Man dürfe ohne die in der Schrift verheißenen Wunder nicht den geringsten Schritt tun, der eine gewaltige Rückkehr und Wiederherstellung der Nation zur Folge hätte (IX, 165). Während wir jedoch bei Mendelssohn annehmen dürfen, daß hinter diesen Worten ein echter Glaube stand — denn glaubte er an das Wunder der Vergangenheit, warum sollte er nicht an das Wunder der Zukunft glauben? —, ist das Zitat der Sulamith nicht mehr als eine literarische Reminiszenz, von der man sich eine wirksame Abwehr der Antisemiten versprach, die neuerdings immer wieder den „Israeliten" den Vorwurf machten, ein Staat im Staate zu sein. 97) Die Sulamith druckt auch eine Reihe deutscher Gebete für die regierenden Fürsten ab (vgl. z.B. II, 1, 259—276; III, 1, 380ff., 385—38S; IV, 2, 185; V, 2, 52, 73). 98) Im Großherzogtum Baden gab es schon 1809 „Staatsbürger mosaischen Bekenntnisses" (noch früher im Elsaß, nach einem Hinweis von Professor Elbogen). 99) Vgl. I, 1, 15; I, 2, 367; III, 2, 123, 268—273. Hier werden auch entsprechende Stellen aus der Überlieferung angeführt, die beweisen, daß Zugehörigkeit zum Judentum den treuen Dienst am Staat nicht ausschließt. 10°) Vgl. I, 1, 247, 263; I, 2, 52, 150 usw. ioi) Vgl. auch den Protest Salomos gegen die Bezeichnung jüdisch (VIII, 371). 222