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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 221

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 221 (sequence 29)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" überall nicht mehr wie bisher nur zu den frommen Wünschen gehöre. Schriften und Aufsätze über diesen Gegenstand würden nun überflüssig sein und, soweit schon abgedruckt, nur noch historischen Wert behalten. Seit den ersten Jahrgängen hat Frankel immer wieder auf den Willen der Juden zur Emanzipation und auf ihre Bereitschaft, dem Staat zu dienen, hingewiesen. Mit einer Gläubigkeit, Sorglosigkeit und Bedingungslosigkeit, die nur aus der damaligen geistigen und politischen Situation begreifbar ist, gelobt man sich der bisher kalt abweisenden Umwelt an und sieht bewußt oder unbewußt über alle historischen Gegebenheiten hinweg: „Wo man Euch menschlich behandelt, wo es Euch wohlgeht, da ist auch Euer Palästina, Euer Vaterland, das Ihr nach Euren Gesetzen lieben und verteidigen müßt" (1,2,4). Sogar unter den hebräischen Beiträgen, wo man einen Widerstand gegen die Aufgabe des Nationalbewußtseins einfach aus dem Geist der Sprache heraus erwartet hätte, finden wir eine ganz ähnliche Formulierung93). Die theoretische Verwirklichung der Gleichberechtigung steigerte vollends den Glauben, eine neue Heimat gefunden zu haben, bis zum Glauben an die Erfüllung der Erlösung: „Wir haben endlich erhalten", sagt z. B. Jacobson bei der Einweihung des Seesener Tempels, „wonach wir so lange gerungen94), so lange vergebens geseufzt haben, ein Vaterland, das uns nicht mehr wie Fremdlinge behandelt, einen Staat, der uns nicht mehr wie verirrte Schafe auf Europens weiten Fluren umherirren läßt. Zerbrochen ist das Joch, unter das Politik und Meinung seit Jahrtausenden unseren Nacken gebeugt haben. Zion ist wirklich erlöst durch Recht, (wenn ich einen Ausspruch Jesajas auf unsere gegenwärtigen Verhältnisse anwenden darf) nachdem der Herr lange seine Hand wider uns gekehrt hat" (III, 1, 314). Die Grenzen der Würde überschreitet ein Aufsatz von Elkan Henle95) aus Fürth: „Über die Verbesserung des Judentums." Er verlangt vom Staat, den Juden von den Beiträgen zur jüdischen Gemeinde zu befreien, ihn aber zu allen Bürgerpflichten durch Eidesleistung und Bedrohung der Verbannung im Kontraventionsfalle zu verpflichten, so daß er nie, am allerwenigsten unter einem Religionsvorwande, sich derselben entziehe. Dem orthodoxen Juden, der sich nicht unbedingt jeder Bürgerpflicht unterzieht, könne kein Bürgerrecht zugestanden werden96). Man betrachte ihn als Kranken, der sich weigert, des Arztes Hilfe anzunehmen. Der kluge und menschenfreundliche Arzt versucht in solchen Fällen gewiß alles, dem Kranken einige Hilfe durch Überredung, auch im Notfalle durch Anwendung einiger Gewalt, zu verschaffen. Die Rabbiner sollen aufgefordert werden, alles Mögliche zur Erleichterung beizutragen, was sie füglich tun können, sie müßten nämlich dem arbeitenden Teil mehrere Festtage und Halbfeste usw. . . . erlassen (II, 1, 360 ff.). Die Forderung Mendelssohns, beider Lasten, die des Bürgers und die des Juden, in Ergebenheit und Geduld zu tragen, war bei Henle endgültig zugunsten des Bürgers entschieden. Das Wesentliche für die neue Stimmung ist der Verlust des Wissens, in de- Galuth zu leben. Was in fast zwei Jahrtausenden den Juden die einzige Selbstverständlichkeit ihres Lebens geworden war, war im Laufe weniger Jahrzehnte durch einige äußere Erleichterungen, die man ihnen gewährte, in Vergessenheit geraten. Eine nicht selten oberflächliche Heiterkeit trat an die Stelle eines zuweilen düsteren Ernstes: „Hinwegnehmen laßt uns endlich die Leier, die einst vor langen, langen Jahren unsere Voreltern trauernd auf die Gesträuche an Babylons Bächen hingen, fröhlich laßt uns anstimmen das *3) Vgl. II, 2, 143; III, 1, 314; IV, 1, 382. 9±) Vgl. IV, 2, 344 ff.; auch hier tritt eine Predigt in den Dienst der Emanzipation. Friedrich Wilhelm III., der Gesalbte Gottes, ist hier der neue Cyrus Israels. Vgl. ferner I, 2, 354: „Joseph II. und der französischen Nation war es vorbehalten, das schöne Werk der Erlösung Israels zu beginnen und zu vollenden." «*) Vgl. über ihn MGWJ 1918, S. 223 ff. 96) Schon die 1793 erfolgte Eingabe der 34 Königsberger Hausväter (besonders Familie Friedländer) an den König enthielt Vorschläge für zweierlei Recht unter den Juden, vgl. Freund II, S. 95—96. 221

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