Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 220 (sequence 28)
- Language
- German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" dritten Standes ohne Berücksichtigung der Prinzipien des Naturrechts verständlich, das den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen vertrat. Die französische Revolution als der politische Ausdruck der Aufklärung hat beiden Gruppen, den Bürgern und den Juden, ihre ihnen bisher vorenthaltenen Rechte theoretisch zuerkannt. Die Juden in Deutschland, und von ihnen ist liier nur die Rede, traf die Emanzipation nicht ohne ihr Bereitsein und nicht ohne ihr eigenes eifrigstes Bemühen um dieses Ziel. Die führenden Schichten strebten seit langem, besonders seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IL, nach ihrer Einordnung in den Staat als gleichberechtigte Bürger90). Es läßt sich freilich nur selten mit Eindeutigkeit entscheiden, ob die allmählich wirtschaftlichen Einfluß gewinnenden Juden die Ideen der Gleichheit und Freiheit nur als willkommenen „ideologischen Überbau" zur Erreichung ihrer finanziellen Interessen benutzten, oder ob umgekehrt das Erlebnis der allgemeinen Vernunft und der sich aus ihr herleitenden Menschenrechte für Verlauf und Entwicklung von Assimilation und Emanzipation bestimmend gewesen sind. Fest steht, ohne daß man letztlich über Wirkung und Ursache anders als durch den Glauben wird urteilen können, die tiefe Verknüpftheit zwischen geistigem und politisch-wirtschaftlichem, zwischen innerem und äußerem Geschehen. Die Sulamith stellt sich mitten in den Kampf um die Gleichberechtigung. Sie verzeichnet freudig alle Erlasse und Verordnungen, die den Juden Befreiung von ihren Lasten bringen, gibt z. B. ein Extrablatt über Aufhebung der Sonderabgaben in Kassel heraus, berichtet von der Abschaffung des Leibzolls in Bayern, von den Fortschritten der Emanzipation in Baden, Württemberg, Anhalt-Dessau, Sachsen, Frankfurt a. M. und Mecklenburg und begrüßt mit einem dankbar aufatmenden Gottlob die bürgerliche Verbesserung der Israeliten im Königreich Preußen (IV, 1, 55 ff.). Sie gibt auch Zeugnis von der rückläufigen Bewegung, die sich überall nach den Befreiungskriegen bemerkbar machte, als über die gesamtmenschliche Orientierung der Aufklärung der romantische Nationalismus gesiegt hatte. Wir erfahren von neuen Beschränkungen, etwa in Frankfurt a. M., in Sachsen, vor allem in Lübeck und Bremen, wo den Juden im Mai 1820 angekündigt wird, daß sie bis zum August desselben Jahres das Stadtgebiet geräumt haben müßten, von Exzessen in Kurhessen, wo sich 1835 die „löbliche Bürgerschaft gerade so betrug, wie der blutgierige fanatische Pöbel im Mittelalter" und schließlich auch von Ritualmordlegenden aus dem Jahre 183791). Der Herausgeber der Sulamith verläßt seinen Platz erst, nachdem die bürgerliche Freiheitsbewegung von neuem sich mächtig erhoben und auch die vermeintlich letzte Regelung der Judenfrage bewirkt hatte. Die Verordnung „über einige Grundlinien der künftigen preußischen Verfassung" vom April 1848 hatte die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte fortan für unabhängig von dem religiösen Glaubensbekenntnis erklärt und beseitigte damit die letzten Scheidewände, die Juden und Christen in staatsbürgerlicher Richtung noch trennten92). Damit war auch die politische Aufgabe der Sulamith erfüllt, und Fränkel verabschiedet sich von seinen Lesern, indem er der Hoffnung Ausdruck gibt, daß nun eine neue schöne Ära für die israelitischen Bewohner Deutschlands beginne, in der die unbedingte Emanzipation 90) Vgl. Ismar Freund, Die Emanzipation der Juden in Preußen (Berlin 1912). I, 1, 54; vgl. auch Jakob Katz, Die Entstehung der Judenassimilation und deren Ideologie (in: Nachaiath Z'vi V, Heft 7, 8, S. 171 ff.) und in den folgenden Heften der Zeitschrift. 91) Vgl. IV, 2, 329; V, 2, 137, 204; VI, 1, 212; VI, 2, 259, 312, 316; VIII, 38, 177, 281; IX, 73 usw. 92) Vgl. Freund a.a.O., Bd. I, S. 252. 220