Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 27)
- Language
- German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" mulierung Herders — „die älteste Urkunde des Menschengeschlechts, Poesie der mannigfaltigsten Begeisterung, Lehrerin der erhabensten und faßlichst vorgetragenen Moral und allgemeines Vehikel der ewigen Wahrheiten" ist. Wenn auch die ersten Untersuchungen keine wesentlichen Änderungen der überlieferten Anschauungen zur Folge haben, überall richtet sich die neue Fragestellung über Kommentare und Superkommentare hinweg auf die äußersten, durch Forschung noch erfaßbaren Ursprünge. Auch auf dem Gebiete des Gottesdienstes begnügt man sich nicht damit, hier und da bestehende Formen zu ändern, sondern die Wissenschaft tritt bewußt oder unbewußt in den Dienst der Praxis. Neumann bringt in seinem Aufsatz über die Verbesserung der kirchlichen Verfassung der Israeliten einen kurzen Abriß der Geschichte des Gottesdienstes (IV, 1, 389 ff.). Die Thora enthalte, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, überhaupt keine Verordnungen, bestimmte Gebete zu sprechen. Zur Zeit der Talmudisten habe der eigentliche Gottesdienst neben der Thoravorlesung an bestimmten Tagen nur im Schma und in der Tefillah bestanden, die Tefillah selbst habe sich allmählich entwickelt. Vor allem hätten die Rabbinen von jeher erlaubt, die Gebete in jeder Sprache zu sprechen, die man grammatikalisch versteht. Wir wissen nicht, ob Neumann die oben S. 203 erwähnte anonym erschienene Schrift Friedländers kannte. Es ist jedenfalls zu beachten, daß dort auch Friedländer für seine Vorschläge zur gottesdienstlichen Reform historische Gründe anführt. Neumann vermeidet es jedenfalls, den ehrlosen Ton Friedländers zu übernehmen, der sich nicht gescheut hat, der Regierung gegenüber von den „widerwärtigen Anschauungen der meisten hebräischen Gebete" zu sprechen86). Der V. Jahrgang der Sulamith bringt im II. Band auf S. 429 noch eine kurze Anzeige des Sseder ha'avodah, einer historisch kritischen Darstellung des jüdischen Gottesdienstes und dessen Modifikationen von den ältesten Zeiten an bis auf unsere Tage von S. J. Cohen87). Im übrigen beschränkt sich die Sulamith auf Nachrichten über die wissenschaftlichen Neuerscheinungen. Während in den ersten Jahrgängen die Besprechungen dieser Bücher ausführlich sind und alle Gebiete: Hebräische Sprachlehre, Lexikographie, apokryphe, philosophische und theologische Literatur umfassen, wird Fränkel den Arbeiten eines Zunz, Jost, Krochmal, Rappoport und Luzatto nicht mehr gerecht. Ja, die drei zuletzt genannten sind in der Sulamith, soweit ich sehe, überhaupt nicht erwähnt, obwohl von ihnen u.a. in den hebräischen in Wien erscheinenden Bikkure ha'ittim und Kerem chemed bereits Aufsehen erregende Einzelstudien, etwa Rappoports 'Ansehe schem, veröffentlicht waren88). Die Aufgabe also der jüdischen Bibelwissenschaft, der Geschichtsforschung, der Gelehrtenbiographie und sogar der Philosophiegeschichte89) ist in der Sulamith gestellt, und ihre Behandlung hat zu schönen, anregend weiterwirkenden Anfängen geführt; aber die Höhe klassischer Leistung blieb der nächsten Generation vorbehalten. Es bleibt uns, von der Bedeutung der Sulamith für die Emanzipation zu sprechen. Die Aufklärung und ihre Forderung der Freiheit hat auch auf diesem Gebiet den geistigen Raum bereitet; denn die Emanzipation des Juden wird ebensowenig wie die des 86) Vgl. Geiger a.a.O., II, 211; vgl. auch Elbogen in ZGJD, VI, S. 130ff. 87) Cohen wandte sich gegen die Reformbewegung. Vgl. Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 11 (Leipzig 1870), S. 426. 88) Vgl. Wachstein a.a.O., Krochmal, S. 105—107, Luzatto, S. 124—142, Rappoport, S. 173—179. s») Vgl. eine ausführliche Darstellung der Philosophie Philos (IX, 218—231). 219