Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Siesfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" den bedeutendsten Versuch unternommen hat, die Erkenntnisse arabisch-griechischer Philosophie zu jüdischer Gläubigkeit in Beziehung zu setzen? Es ist nur natürlich, daß man sich nicht auf eine Mitteilung der äußeren Lebensumstände und auf eine Aufzählung der z.T. schon übersetzten Werke des Maimonides beschränkte, sondern ihn aus seiner Zeit in die eigene Gegenwart hineinprojizierte; man sah in ihm den „Aufklärer", in seinen Gegnern das Urbild zu den polnischen Rabbinern und meinte in seinem Werk zu finden, was man selbst der neuen Zeit als Reformprogramm vorschlug. Dabei kam es vor, daß man, obwohl der hebräische Originaltext als Note beigedruckt wurde, den Maimonides von „schalen Disputationen über den Talmud sprechen ließ, mit denen die Rabbiner nicht die edle Zeit verschwenden sollten". Auch die anderen Biographien zeigen deutlich den Zusammenhang zwischen der Wissenschaft und dem Ziel, dem man mit ihr dienen will; denn es ist kein Zufall, daß gerade die freisinnigsten, weltlicher Bildung am meisten zugewandten Persönlichkeiten, die sich auch als Philosophen, Mediziner, Astrologen und Dichter einen Namen erworben haben, Gegenstand des Interesses und der .Forschung werden83). So veröffentlicht die Sulamith Biographien von Saadja, Ibn Esra84), Benjamin von Tudela, Elia Levita und Manasse Ben Israel und kleinere literarische Notizen über Abraham bar Chija und über einen erotischen Dichter des 13. Jahrhunderts, Abraham ben Sahal85). Es ist bezeichnend, daß Leben und Werke Raschis in der Sulamith nicht dargestellt wurden, obwohl Raschi in Thora und Gemara so hineingewachsen war, daß er für den lernenden Juden eine Einheit mit diesen bildete. Der innere Grund für diese Tatsache liegt zweifellos darin, daß Raschi zu sehr in die jüdische Welt eingesponnen schien, als daß er Vorbild für die neuen Ziele hätte sein können. Das epitheton ornans, „der gute Raschi", das die Sulamith dem genialen Erklärer gelegentlich zuerkennt, entbehrt nicht eines leisen Untertons lächelnder Überlegenheit. Es blieb Zunz vorbehalten, die Biographie des Meisters in der Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums zu veröffentlichen. Einige Aufsätze mehr philologischen als historischen Inhalts geben den ersten wissenschaftlichen Bemühungen der Sulamith eine gewisse Vollständigkeit. Zunächst ist ein Aufsatz über die Authentizität der Massora von Neumann zu erwähnen (I, 2, 30 ff.). In ihm wird zwar am Anfang das zu Beweisende vorausgesetzt, daß nämlich die Massora das non plus ultra der biblischen Kritik sei; aber im Folgenden wird eine Reihe von talmudischen Äußerungen, die Massora betreffend, angeführt, die einerseits die Meinung der damaligen christlichen Theologen zu widerlegen geeignet ist (nach ihnen sollte die Massora im 5. und 6. nachchristlichen Jahrhundert angefangen und beendigt worden sein) andererseits aber auch die bestehenden jüdischen Auffassungen in Zweifel zieht. Der Verfasser will keine endgültige Entscheidung in dieser Frage treffen, aber er stellt — und darin liegt die Bedeutung dieses Aufsatzes — mit aller Eindeutigkeit die Frage zur Diskussion, „haben alle Teile der Massora gleiche Authenzität, und inwiefern dürfen wir Mosaisten im Falle der Not von ihr abweichen?" Joseph Wolf hat im II. Jahrgang diese Frage zu beantworten versucht (II, 1, 73—90, 396—412); aber in Wirklichkeit kommt er über das v>n Neumann bereits Gesagte nicht hinaus. Er setzt sich nur herzlicher dafür ein, daß die Massora der Zaun um die Thora bleibe, die ihm — er folgt der For- 83) Joseph Wolf bringt z. B. die deutsche Übersetzung eines Teils aus dem Tachkemoni des Jehuda Charisi: Die Feder und der Degen (IV, 2, 412 ff.). Eine Inhaltsangabe der Schrift Ssur mera von Leo de Modena aus dem 16. Jahrhundert, die über die Spielleidenschaft handelt, bietet Theodor Hartmann (VI, 1, 220 ff.). 84) Von Ibn Esra sind sogar zwei Biographien in der Sulamith aufgenommen, eine kurze von Salomo Lövisohn, die nur äußere Daten mitteilt (IV, 1, 217 ff.) und eine ausführliche von wissenschaftlichem Wert mit Angaben über einzelne unedierte Handschriften von Hartmann (VI, 1, 403—415; VI, 2, 18—26). 85) Vgl. IV, 1, 289ff., 352, 361; IV, 2, 1—5; VI, 2, 389; V, 1, 281. 218