Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 217 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" mehr auf Wahrheit an, Wahrheit in dem Sinne, daß das Vorgestellte und Geglaubte mit den Tatsachen übereinstimmt, sondern jeder Zug, der uns in dem Menschen zu einer gewissen Zeit eine neue Falte entwickelt, liefert uns einen bedeutenden Umriß zur Entfernung dieses großen Gemäldes. Auf welcher Stufe der Kultur müssen die damaligen Juden gestanden haben . . . ." (Vgl. I, 2, 281 ff.). Es ist gleichgültig, ob Bendavid im einzelnen tatsächlich die Wahrheit getroffen hat. Wichtig ist, daß er hier zum erstenmal vor einem breiteren jüdischen Publikum die Methoden der kritischen Wissenschaft an einem bisher durch die Tradition sorgsam gehüteten Stoff dargelegt und darüber hinaus auf die relative, geistes- und entwicklungsgeschichtliche Bedeutung solcher Erzählungen aufmerksam gemacht hat. Wollte man alle die kleinen historischen Beiträge der Sulamith sammeln, so ergäbe sich bereits ein Mosaikbild der Weltgeschichte des jüdischen Volkes, wenn auch vorerst mit etwas groben Zügen und einigen nicht unbeträchtlichen Lücken. Da ist eine anonyme, nicht zu Ende geführte Abhandlung über die Geschichte der Juden Roms, die als Quellen Philo, Josephus, Tacitus, Sueton, Juvenal, Eusebius u. a. benutzt und bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert reicht (IV, 1, 1—27). Salomon Lövisohn — der Verfasser von „Melizath jeshurun", einem ästhetischen Kommentar zur Bibel80), dessen wissenschaftliche Behandlung bis heute aussteht — hat einen kurzen Abriß über die Geschichte der Juden Afrikas geschrieben, der vom dritten vorchristlichen Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert führt (IV, 1, 255—270). Ignaz Jeitteles veröffentlicht in der Sulamith eine kurze Geschichte der Juden Spaniens vom 2. nachchristlichen Jahrhundert bis zu ihrer Austreibung (V, 1, 219 ff.). Ober die Juden in Wien vom 12. Jahrhundert bis zur Zeit Maria Theresias berichtet auf Grund von Urkunden und schriftlichen Verhandlungen ein anonymer Aufsatz im IV. Jahrgang (II. Bd., S. 217 ff.), der unvollendet geblieben ist und mit dem Namen der Stifter „der heutigen gebildeten und veredelten jüdischen Religionsgenossen, den Familien Arnsteiner, Eskeles, Wertheimer" abschließt. Schließlich bringt die Sulamith einen wertlosen Aufsatz von Hanna Adams über die Juden in Amerika von der Zeit ihrer Einwanderung bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts (VI, 2, 8 ff.). Neben den Darstellungen größerer geschichtlicher Zusammenhänge liest man in der Sulamith eine ganze Reihe historischer Miszellen, die allerlei unterhaltende Merkwürdigkeiten aus den verschiedenen Jahrhunderten enthalten, so z. B. einen Bericht über des reichen portugiesischen Juden Pinto Testament, über eine jüdische Armee im 13. Jahrhundert, die unter Adolf v. Nassau kämpfte, über das Verhalten der Juden in Rom bei einer Papstwahlsl) usw. Das Bild der Vergangenheit wird dadurch lebendiger, daß zu den geschichtlichen Nachrichten Biographien bedeutender Persönlichkeiten treten. Schon die Meaßfim hatten ein Teil ihrer Zeitschrift den toldoth gedole yißrael bestimmt; sie brachten u. a. Biographien des Rambam, des Isaak Abrabanel und des Manasse Ben Israel. Die Sulamith hat diese Tradition aufgenommen. Wir lesen in ihr — neben Lebensbeschreibungen zeitgenössischer Autoren, die in unserem Zusammenhang nicht interessieren8-) — als erste Gelehrtenbiographie in deutscher Sprache ebenfalls die des Maimonides. Dr. Salomon nennt ihn im Anschluß an überlieferte Urteile den großen Adler, den Ruhm des Morgenlandes, das Licht des Abendlandes. Jede neue geistige Bewegung sucht für sich in der Vergangenheit Vorbilder, die sie zu Zeugen der eigenen Lehre aufruft. Aufgabe und Problem der jüdischen Aufklärung war die Verbindung der eigenen Kultur mit der der Umwelt. Was lag da näher, als sich auf die Jahrhunderte lang fast nur als Gesetzeslehrer gewürdigte Persönlichkeit zu besinnen, die im Mittelalter 80) Vgl. die Selbstanzeige (V, 1, 102—106). si) Vgl. II, 1, 233 ff., 244 ff., 292—300; II, 2, 61—72, 1S4—198; III, 2, 410—419. 82) Vgl. z. B. die Biographien von Peter Beer, Ben Sew, Herz Homberg III, 1, 249 ff., 252 ff., 258 ff. usw. 217