Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" geschlechts", das sich uns bei der Betrachtung des jüdischen Volkes darbiete, und Ehrfurcht ergreift ihn bei der Vergegenwärtigung des jüdischen Schicksals: Denn „keine Geschichte hat eine so ganz eigene charakteristische Individualität, keine stellt uns seltsamere und wunderbarere Begebenheiten auf, keine greift so tief in das Schicksal anderer Völker und Staaten ein als die Geschichte des jüdischen Volkes". Der Blick wendet sich mit Interesse rückwärts in alle Zeiten und alle Länder. Die Neuherausgabe alter hebräischer Schriften, die für die Kenntnis der Vergangenheit von Belang sind, wird unter Hinzufügung eines kurzen Inhaltsverzeichnisses der betreffenden Werke mitgeteilt (II, 1, 425 f.)78). Auch die erste Geschichte der Römer in hebräischer Sprache von Meier Fischeis wird besprochen und als Lehrbuch für die jüdische Jugend empfohlen (III, 2,399). Die erste zusammenhängende Darstellung der Geschichte der Juden von der Schöpfung bis nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft hatte in deutscher und hebräischer Sprache Peter Beer im Jahre 1796 geschrieben. C. W. Spieker rezensiert im II. Jahrgang (II. Bd. S. 124 ff.) auch dessen zweites Werk, das die Geschichte der Juden von ihrer Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft bis zur Zerstörung des zweiten Tempels zum Gegenstand hat, und erwähnt es als Vorzug, daß Flavius Josephus ausführlich als Quelle benutzt wurde. In der Tat bedeutete es seit Jahrhunderten etwas Außergewöhnliches, wenn Juden für ihre Arbeiten Bücher zugrundelegten, die nicht hebräisch geschrieben waren79). Wie sehr die Änderung der Methode Ausdruck einer inneren Wandlung, einer ganz neuen Stellung zur Geschichte war, zeigt ein Aufsatz des gewiß nicht radikalen S. J. Cohen, der den bezeichnenden Titel trägt: „Etwas über das Leben und den Charakter des Kaisers Titus oder der Widerspruch in den Traditionen." Cohen stellt hier den Nachrichten der allgemeinen Geschichtsschreibung, besonders des Josephus, der den Kaiser „als Muster menschlicher Tugend und als ein Beispiel eines huldreichen sanftmütigen und weisen Regenten" hinstellt, die Überlieferung des Talmuds gegenüber, der in Titus ein „grauenvolles Schreckbild, eine Geißel der Menschheit, einen blutgierigen Wüterich" sieht. Er kommt für sich zu dem Ergebnis, die ungünstige Meinung, die die Talmudisten von Titus hegten, „nicht für ganz unbegründet zu halten". Interessanter noch als die Darstellung Könens ist ein ihr beigegebener Brief von Lazarus Bendavid, in dem dieser zu dem Problem selbständig Stellung nimmt. „Ich bin weit entfernt", sagt er dort, „mit Ihnen die schwächste Hoffnung zu hegen, daß durch die im Talmud vorhandenen Legenden über die Zerstörung Jerusalems der mindeste Gewinn für die Geschichte erwachse. Außer daß jene Histörchen das Gepräge orientalischer Übertreibung an der Stirne tragen, außer daß sie ohne Angabe der Namen, der Jahreszahl und alles erzählt werden, was zu den Wahrheiten der Geschichte gehört, außer diesem ist die Zeit, in der sie niedergeschrieben wurden, so weit von der entfernt, in der die erzählten Begebenheiten sich zugetragen haben sollen, daß dies schon allein ihrer Glaubwürdigkeit den größten Verdacht zuziehen muß. Denn früher als im S. Jahrhundert (!) n.Chr. war an keine Redaktion des Talmud zu denken. . . So vergingen beinahe sechs Jahrhunderte, in denen diese Märchen von Mund zu Mund gingen und daher die gräßlichste Entstellung erleiden mußten. Also als Beitrag zur Weltgeschichte kann ich sie nicht betrachten, wohl aber als Beitrag zur Geschichte der Menschheit. Denn hier kommt es nicht 78) Über eine hebräische Ausgabe des Flavius Josephus berichtet II, 2,24. 79) Beer hat in der Sulamith auch eine Darstellung der Schicksale Babyloniens unter Benutzung des von den Propheten, Herodot, Plinius, Strabo und anderen antiken Autoren dargebotenen Materials geschrieben (IV, 2, 99); vgl. außerdem seinen Aufsatz über einige bei der jüdischen Nation bestandene und z. T. noch bestehende religiöse Sekten (I, 1, 263 ff., 352 ff.), in dem er im Anschluß an Josephus ausführlich von Sadduzäern und Essäern aber auch von Karäern spricht; vgl. auch IV, 1, 280. Ein Bericht über Samaritaner ist aus der „Histoire des sectes religieuses" von Gregoire in deutscher Übersetzung in die Sulamith aufgenommen (IV, 2, 197 ff.). 216