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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 215

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 215 (sequence 23)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Anders verhielt es sich mit der jüdischen Wissenschaft. Sie hat dem 19. Jahrhundert ihr Gepräge verliehen und schenkte dem Judentum Leistungen, die gleichzeitig als unendliche Aufgabe über sich hinaus in die Zukunft weisen. Bisher war die Wissenschaft die Magd des Glaubens gewesen73). Das entspricht ganz einer Weltanschauung, die überall auf Sinn und Ziel und nicht auf Sein und Werden gerichtet ist. Vor dem Glauben an die eine Offenbarung versank die Bedeutung der Frage nach der zeitlichen Folge des Geschehens und seiner ursächlichen Verknüpftheit ins Nichtige, so wie etwa, wenn dieser Vergleich gestattet ist, bei einem großen Kunstwerk alles Fragen nach Einflüssen und Entstehungsbedingungen letztlich vor der Einmaligkeit der begnadeten Schöpfung irrelevant wird. Seit Humanismus und Renaissance wird die Wissenschaft ganz allmählich von religiöser Leitung emanzipiert und wird zur autonomen Macht, die nun ihrerseits die alte Herrin zur Dienerin und zum Objekt herabwürdigt. Die Anfänge der jüdischen Wissenschaft in deutscher Sprache reichen bis auf die Sulamith zurück. Man hat zwar in ihr noch nicht bewußt die Arbeit unter ein neues Prinzip gestellt, aber unwillkürlich bediente man sich moderner Methoden und entdeckte eine Reihe von Fragestellungen, durch die das bisher Zentrale an den Rand, das bisher Periphere in die Mitte gerückt wurde. Die als unhistorisch gescholtene Aufklärung hat ein neues Verständnis für Geschichte hervorgebracht und es in glänzenden historischen Werken eines Voltaire, Hume, Robertson, Gibbon dokumentiert74). Der Sinn für Geschichte und Entwicklung wird auch in der Sulamith geweckt, verschüttete Zeiten, und fast vergessene Persönlichkeiten erstehen wieder75). Schon im I. Jahrgang (Bd. II, 1, 291 ff.) lesen wir eine ausführliche Abhandlung über das Verhältnis der Juden in Deutschland zu den deutschen Kaisern von dem christlichen Prediger C.W.Spieker76). Er setzt die Reihe der christlichen Gelehrten fort, die sich schon im 18. Jahrhundert mit der Geschichte der Juden befaßten77). Es sind in den vielen wissenschaftlichen Noten eine Reihe von lateinischen Chroniken und Annalen, Aretins 1803 erschienene Geschichte der Juden in Bayern, Schudts Memorabilia Judaica u.a. als Quellen erwähnt. Mit großer Teilnahme beschreibt der Verfasser das „traurige Gemälde von der moralischen Würde des Menschen- 73) Noch der Meaßef will eine richtige Erkenntnis der Natur und der Welt nicht um ihrer selbst willen, sondern nur, damit sie für den Menschen eine Stütze für den Glauben gegenüber denen sei, die gegen ihn streiten. Vgl. Jahrg. 1190, S. 133; vgL auch Ismar Elbogen, Ein Jahrhundert Wissenschaft des Judentums (in: Festschrift zum 50jährigen Bestehen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin 1922, S. 103 ff.). 74) Vgl. Dilthey a.a.O., S. 209. 75) Schon im Meaßef wird bedauert, daß es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, seit den Tagen der Bibel keine große Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung mehr gibt (1787, S. 10). 7G) Spieker war auch Verfasser der 1808 erschienenen Untersuchung „Ober die ehemalige und jetzige Lage der Juden in Deutschland". In der Sulamith 11, 1, 307 ff. wird von ihm der Versuch einer Methodik der Geschichtswissenschaft gemacht; er hat ferner einen kleinen Aufsatz über Juden in Worms, Ulm und Regensburg in der Sulamith veröffentlicht (II, 1, 295 ff.). 77) II, 2, 131 bringt ein Verzeichnis der Geschichtswerke über Juden aus dem 18. Jahrh. (z. B. Basnage). 215

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