Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 214 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" mith wird zur Vorkämpferin für einen neuen Typus der jüdischen Frau; „jedem heutigen gebildeten Juden würde ein Mädchen nach der ehemaligen Bildung als Gattin nicht zu empfehlen sein, denn es herrschte ehemals wirklich eine fast allgemeine Bigotterie unter diesen Mädchen, es fehlte ihnen nicht selten an feiner Bildung, an Grazie, an edlem Anstand und richtigem Geschmack"59). Man will jetzt zu Frauen erziehen, „die, von den Pflichten ihres Berufes durchdrungen, in deren Ausübung ihre Zufriedenheit finden und doch auch zu den Ideen und Empfindungen des Mannes sich erheben und seine geistigen Genüsse teilen können". Die Emanzipation, die man forderte, hielt sich durchaus in den Grenzen des Natürlichen. Man wandte sich ebensosehr gegen affektiert zur Schau getragenes Wissen wie gegen Unbildung und kritisierte scharf den Verfall der Religiosität, der sich besonders „in den großen Residenzen" bemerkbar machte. Dort freilich, in den Salons der Henriette und Rahel, in denen die Schlegel, Humboldt und Schleiermacher verkehrten, las man die Sulamith und ihre „Briefe an ein achtungswürdiges Frauenzimmer jüdischer Religion" nicht mehr, und hätte man sie gelesen, man hätte sie kaum mehr verstanden und höchstens über sie als einen literarischen Anachronismus gelächelt. Das Programm der Mädchenschulen entsprach dem Bildungsziel. „Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die zur besseren Erfüllung seiner Bestimmung als Mensch und Weib nötig sind, sollen ihm nicht fehlen." Darunter sind — nach der Sitten- und Religionslehre — die weiblichen Arbeiten (Stricken, Nähen, Handarbeiten) die wichtigsten und unentbehrlichsten. Zu dem Notwendigsten gehört die Kenntnis der Muttersprache nebst Schreiben und Rechnen. Zweckmäßig und bildend ist das Wissenswerteste aus der Geographie, Naturgeschichte und Naturlehre. Von fremden Sprachen kann das Französische vom Unterricht nicht ausgeschlossen werden. Gesang und Zeichnen soll gelehrt werden. Tanzunterricht zu erteilen, wird für die Töchterschule des Philanthropin abgelehnt70). In Mannheim wird das Tanzen als Analogon der Gymnastik behandelt71). Die Entwicklung der jüdischen Mädchenschulen ist die gleiche, wie die der Knabenschulen. Schon 1820 „verhindern die ungünstigen Zeitverhältnisse, daß der bisherige, ausgedehntere Plan für die Dessauer Töchterschule weiter ausgeführt werden kann". Fränkel beschränkt sich von dieser Zeit an auf Religionsunterricht, der durch Regierungserlaß obligatorisch wird72). Mit dem VI. Jahrgang versiegen die Nachrichten über Töchterschulen fast vollständig; wie als eine Selbstverständlichkeit hat sich der Übergang in die allgemeinen öffentlichen Schulen vollzogen, und für die Dauer eines Jahrhunderts hörte die Frage der jüdischen Schule auf, eine bewegende zu sein. 69) VgL einen Aufsatz Fränkels über die religiöse Bildung der Frauenzimmer jüdischen Glaubens (I, 1, 473 ff.); ferner Arthur Galliner, Sigismund Stern a.a.O., S. 145—146. 70) Aus einem Aufsatz von Moses Heß, Darstellung der Töchterschule des jüdischen Philanthropins in Frankfurt a. M. (III, 2, 186). ") V, 2, 115. Vgl. ferner III, 1, 412 (Töchterschule in Kopenhagen), III, 2, 49 ff. (Bock'sche Töchterschule in Berlin), VII, 1, 421 (Altonaer Töchterschule). 72) VI, 1, 343; VII, 1, 70. Eine allgemein gehaltene Anregung für Religionsschulen findet sich schon IV, 2, 409. 214