Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sialamith" Nicht alle Pläne der neugegründeten Schulen, die die Sulamith abdruckt, sind von solcher Reichhaltigkeit, aber alle weisen in dieselbe Richtung, auch wenn hier und da an Stelle des Englischen das Lateinische erscheint. Erst im siebenten Jahrgang der Sulamith (Bd. I, S. 91 ff.) hat Immanuel Wohlwill68) der klassischen Bildung auch für die jüdische Jugend das Wort gesprochen und Kritik daran geübt, moderne Sprachen nur deswegen zu lernen, weil „viele Sprachen viele Kreditbriefe sind". Die Zeit hatte sich gewandelt. Die führenden jüdischen Schichten begannen mit europäischer Kultur zu verwachsen, und es galt, der kommenden Generation nicht nur die Formen der äußeren Verständigung, sondern auch die tiefen in der Antike wurzelnden Elemente abendländischer Bildung zu erschließen. Aber als es soweit war, daß Jafet in den Zelten Scherns wohnen sollte, vergaß man den Adel der Herkunft und seine Verpflichtung und ergab sich der Umwelt. Die jüdische Schule wurde nicht mehr als Notwendigkeit empfunden, und es ist bezeichnend, daß der 9. Jahrgang der Sulamith zu berichten weiß, daß von 1005 Berliner jüdischen Kindern nur noch 355 in jüdische Schulen gingen67). David Fränkel hat in jedem Band der Zeitschrift alle ihm zugänglichen Schulnachrichten neben den Mitteilungen über die unter seiner Leitung stehenden Dessauer Schulen veröffentlicht und so Muster zur Nachahmung aufgestellt. Wir hören von der Berliner Freischule, von der Samsonschule in Wolfenbüttel, von der Kgl. Wilhelmsschule in Breslau, vom Philanthropin in Frankfurt a. M., von Schulen in München, Paderborn, Braunschweig, Halberstadt, Hildesheim, Fürth, Glogau, Schwerin, Posen usw. Mit Freude wird von tätigem Interesse der Regierungen für jüdische Schulen in Anhalt-Dessau, Hessen, Württemberg und in der Rheinprovinz berichtet. Die Gründung der ersten Lehrerseminare in Kassel, Berlin und Dessau wird erwähnt. Schließlich werden auch über die ersten modernen jüdischen Schulen im Ausland, in Preßburg, Prag, Brody, Tarnopol, Warschau und Odessa Mitteilungen veröffentlicht. Die Hauptträger der jüdischen Schulbewegung außerhalb Deutschlands, Peter Beer, Herz Homberg und Joseph Perl, standen in engem Konnex mit Fränkel und lieferten auch Beiträge für die Sulamith. Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung der Sulamith für die Geschichte der jüdischen Mädchenerziehung. Im 18. Jahrhundert lagen auch im nichtjüdischen Deutschland nur die bescheidensten Anfänge für Organisierung der Mädchenbildung vor. Sie nahm erst im 19. Jahrhundert einen größeren Aufschwung, als das Bürgertum zu Selbständigkeit und Wohlstand gekommen war. Es lag im Wesen des Liberalismus, der das Bürgertum emporgetragen hat, die Frau dem Mann rechtlich gleichzustellen, also ihr auch eine angemessene Erziehung zu geben68). David Fränkel hat 1806 in Dessau die erste öffentliche Bildungsanstalt für jüdische Mädchen eröffnet, nachdem für Christen nur 20 Jahre vorher — ebenfalls in Dessau — die erste Töchterschule in ganz Deutschland überhaupt errichtet worden war (I, 1, 67). Damit wird das Bildungsprivileg des Mannes, das im jüdischen Kreis vielleicht noch stärker war als im christlichen, gebrochen. Die Sula- 66) Wohlwill hieß früher Wolf; er hatte in Zunz' Zeitschrift grundlegende Ausführungen über den Begriff einer Wissenschaft des Judentums gemacht. 67) Vgl. Arthur Galliner a. a. O., S. 39 f. Verf. zeigt, wie sehr — wenngleich ohne größeren Erfolg — auch von reformfreudiger Seite für Errichtung eines höheren jüdischen Schulwesens gekämpft wurde. «*) Vgl. Barth a. a. O., S. 673. 213