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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 212

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 212 (sequence 20)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" In der Schulpraxis wurde, wie der Sulamith zu entnehmen ist, von den Auswahlmöglichkeiten sehr verschiedener Gebrauch gemacht Ein die einzelne Programme Verbindendes läßt sich allenfalls im Negativen, im Fortfall der „mündlichen Lehre" aus dem Schulplan, feststellen61). Im übrigen schwankt das Unterrichtsziel zwischen der Vermittlung gründlicher hebräischer Bibelkenntnisse mit Kommentaren und mit Unterweisung in den wichtigsten Geboten und Verboten und einem nur bis zum kursorischen Lesen und Übersetzen führenden Unterricht in hebräischer Grammatik mit dem ausdrücklichen Ziel der „Auslöschung aller Eigentümlichkeiten in Sitten, Sprache und äußerem Verhalten"«*). Auch die Methodik des Religionsunterrichts blieb innerlich unausgeglichen. Auf der einen Seite bringen die Lehrbücher trockene Formeln über das Dasein Gottes, Vergeltung, Offenbarung und das Kommen des Messias, auf der anderen Seite wird Rousseau zitiert. „Wenn ich die verdrießliche Dummheit malen wollte, so würde ich einen Pedanten malen, der Kinder den Katechismus lehrt", und Jacob Weil will in Anlehnung an ihn dem Kinde das Gotteserlebnis auf einem Spaziergang im Angesicht der Sonne, des Mondes oder der Sterne nahebringen, indem er es „mit der Simplizität, die den Erzieher vom Pedanten unterscheidet, fragt, sag' mir doch, wer hat diese geschaffen". Eine alle verpflichtende Norm für die religiös-erzieherische Arbeit ließ sich ebenso wenig wie für die persönliche Lebensgestaltung des einzelnen Juden, soweit er nicht in unbedingter Treue zum Gesetz stand, finden. Der Unterricht in den allgemeinen Schulfächern ist zu einem wesentlichen Teil durch den Gesichtspunkt der Nützlichkeit bestimmt. Man will zunächst keine Gelehrten, sondern brauchbare Bürger erziehen, die den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden können, wenn einmal, wie man täglich hoffte, die Emanzipation in Theorie und Praxis Wirklichkeit werden sollte. In Deutschland hatte sich in der außerjüdischen Welt seit etwa einem Jahrhundert ebenfalls eine Fortentwicklung von dem alten, auf humanistische Kenntnisse gerichteten Bildungsziele geltend gemacht. So lehrten die Ritterakademien zwar Latein, aber statt des Griechischen Französisch und außerdem Mathematik und Geschichte; und auch die sog. Bürgerschulen, eine Vorform der Realschulen, wollten nicht bloß zum Studieren, sondern auch zum Handel, Kunstgewerbe oder Handwerk vorbereiten. Beide Stände, Ritter und Bürger, konnten mit der gelehrten Bildung nicht mehr ausreichen, und so forderten sie Anstalten eines neuen Typus, der ihnen eine für ihr Leben und ihre Aufgaben geeignetere Vorbereitung geben sollte63). Für die jüdischen Schulen war besonders das Dessauer Philanthropin64), dessen Zöglinge ebenfalls zum Kaufmannsstand und anderen praktischen Berufsarten und nur selten zum Gelehrten bestimmt waren, anregendes Vorbild65). Die Richtung der neuen Schule ist also bei aller die Welt umspannenden Humanität realistisch. Diese Tatsache kommt klar im Unterrichtsplan für die in Frankfurt a. M. zu errichtende Karlsschule zum Ausdruck. In ihm sagt Jacob Stern: „Es liegt in der Idee einer allgemeinen Schule, daß Lehrart und Lehrgegenstände so geordnet werden, daß die Bildung der Jugend nach ihrem respektiven Stand in der menschlichen Gesellschaft bewirkt wird und daß die Knaben nach ihren künftigen Bestimmungen, d. h. als Kaufleute, Handwerker, Fabrikanten und Feldbauer unterrichtet werden." Die einzelnen Unterrichtsgegenstände zeigen die Konkretisierung des Programms. Es soll neben Hebräisch und Bibelkunde Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch (!), Geographie, Rechnen, Buchhaltung, Geometrie, Maschinenlehre, Naturlehre und Chemie gelehrt werden. 61) Nur die Schule in Tarnopol hatte den Talmud als obligatorisches Schulfach aufgenommen (IV, 2, 168). 62) Vgl. Arthur Galliner, Sigismund Stern, Frankfurt a. M. 1930, S. 123 f. 63) Vgl. Barth a.a.O., S. 482ff. 64) Die in Frankfurt a. M. gegründete Schule trug den gleichen Namen. Vgl. Arthur Galliner a.a.O., S. 105ff. 65) Vgl. den Aufsatz über Realschulen von Dr. Hess (V, 1, 297 ff.). 212

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