Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Mannigfaltigkeit ihrer erhabenen Lehren werde durch Deine Beihilfe zur Einheit im Geiste Deines Zöglings." Anschauung und Vernunft sind die Mittel, deren sich die neue Pädagogik bedient. Das neue Erziehungsziel wird bestimmt durch drei aufs engste miteinander verknüpfte Faktoren: durch die allmählich sich bessernde soziale Lage der Juden, durch ihren Eintritt in die europäische Kultur, besonders durch ihr Verbundensein mit der Aufklärung, und durch den Wandel des religiösen Bewußtseins. Es ist in seinen allgemeinsten Prinzipien gerichtet auf die Heranbildung des sittlich-religiös handelnden, frei denkenden Menschen57), der offenen Sinnes die erworbenen Kenntnisse im Leben anzuwenden und zu entwickeln weiß und seine Pflichten gegen den Staat erfüllt. Selbstverständlich liegt eine Reihe von Variationen und Nüancierungen dieser Grundtendenzen vor. Das gilt besonders für das religiös-moralische Erziehungsziel. Es findet eine der zusammenfassenden Formulierungen in folgenden Sätzen: „Der Zweck jeder vernünftigen Erziehung sollte sein, das rein Menschliche im Menschen zu wecken und zu nähren, den Geist für die höheren edleren Freuden der Seele empfänglich zu machen, ihn für das Große und Köstliche zu erwärmen und die Güter dieser Welt in ihrer wahren Gestalt, in der sie einzig wünschenswert sind, darzustellen." Diese Äußerungen zeigen die gleiche Grundhaltung wie sie uns bei Niemeyer58) begegnet; er sagt einmal: „Eine vernünftige Erziehimg kann sich keinen anderen Zweck setzen, als das Menschliche (die Humanität) in dem Menschen so vollkommen, als es bei jedem einzelnen der Gattung möglich ist, auszubilden"59). Neben solchen allgemeinen Zielsetzungen finden wir konkrete Vorschläge über den jüdischen Religionsunterricht. Schon im ersten Jahrgang werden neue Lehrbücher angezeigt und ausführlich besprochen. Die Verfasser sind: Juda Loeb Ben Sew, Herz Homberg, Peter Beer und Philippson. All diesen Büchern ist gemeinsam der Versuch einer systematischen, ausdrücklich für den Jugendunterricht bestimmten, Behandlung, sei es der jüdischen Glaubensinhalte, der mehr oder minder vollständig aufgezählten Gebote und Verbote oder der jüdischen Geschichte. Gemeinsam ist auch der wiederholte Hinweis auf die Pflichten gegenüber dem Staat. Für die Erlernung des Hebräischen sind Wege gewiesen, die ganz allmählich von der Kenntnis des Lesens über die Grammatik zum Verständnis der Texte führen. Es kommt nicht darauf an, daß heute vieles sehr wenig anschaulich und unpädagogisch zu sein scheint, etwa die sehr ausführliche, wie ein Katechismus anmutende60) Darstellung der 13 Glaubensartikel des Maimonides und die exakte Gliederung der Mizwoth in Pflichten gegen Gott, gegen sich selbst und gegen die Nebenmenschen mit vielen sehr ins Einzelne gehenden Unterabteilungen; das Wesentliche liegt darin, daß man überhaupt zum ersten Male versuchte, aus der Fülle des zu lehrenden Materials, das in seiner Ganzheit wegen des neuhinzutretenden allgemeinen Wissenswerten nicht mehr überliefert werden konnte, eine nach bestimmten Gesichtspunkten geordnete und möglichst faßliche Auswahl zu treffen. 57) Vglden Aufsatz von Dr. Richter, Einige Ideen über Erziehung und öffentlichen Unterricht (I, 1, 40ff.). Er setzt sich auch gemäß der allgemeinen Pädagogik der Zeit für ästhetische und körperliche Erziehung ein. :,s) Niemeyer war der einflußreichste Theoretiker der Pädagogik aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird besonders häufig in der Sulamith erwähnt. Er hat auch einen Beitrag für die Sulamith über Volksschulen in England geliefert (VI, 1, 89 ff.). 59) Vgl. August Hermann Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts, ausgewählt von I. Niessen, Breslau 1905, S. 15. 6°) S. auch schon Meaßef, II, S. 29. I u* 211