Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 18)
- Language
- German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Diese hebräischen Briefe haben keinerlei Resonanz mehr gefunden. Einige hebräische Gebete, die im 3. Jahrgang abgedruckt sind (298—294), bringen nur bekannte Wendungen, die formelhaft wiederholt werden. Vollends bedeutungslos sind die übrigen hebräischen Beiträge der Sulamith: Das kurze Gedicht von Peter Beer zu Ehren Liebermanns, des Verfassers der Gutachtensammlung 'Or nogah für die Reform des Hamburger Tempels ebenso wie Gelegenheitsgedichte für Fürsten53) und die Einweihungsode zum Pariser Tempel**). Der hebräische Teil der Sulamith stellt also einen traurigen Abgesang da. Er bietet für unser Thema keine in die Zukunft weisenden Ergebnisse. Bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus war das jüdische Schulwesen ausschließlich der Vermittlung jüdischer Inhalte bestimmt. Ganz allmählich trat eine Änderung ein. Schon der Meaßef dient nicht mehr dem Erziehungsziel und der pädagogischen Methode des Mittelalters. Er setzt an Stelle des durch Gott befohlenen Sollens das durch die Natur gegebene Sein. Daraus ergibt sich eine Kritik der Strenge und Unbedingtheit, mit der schwierige und abstrakte talmudische Diskussionen den Kindern oft schon im Alter von 6 und 7 Jahren nahegebracht wurden. Man wandte sich dagegen, daß, während die Thora kaum gekannt war, schon die Bestimmungen über Ehe- und Scheidungsverträge mit den Kindern gelernt wurden55). Um so mehr schenkte man den neugegründeten Schulen, etwa der Hauptschule in Prag und der Jacobson-Schule in Seesen Aufmerksamkeit und Sympathie. Die Sulamith setzte die seit Wessely begonnene Propaganda für ein neues Schulwesen mit großer Entschiedenheit fort. David Fränkel war, wie wir eingangs sagten, selbst Leiter der 1799 in Dessau gegründeten Freischule, und viele Mitarbeiter, gleichfalls Lehrer an den neugegründeten Schulen, veröffentlichten ihre Forderungen und Erfahrungen in der Sulamith. Die Kritik am Alten war schärfer als im Meaßef. Man sprach von dem „Verfinsterungssystem und von dem geisttötenden Mechanismus, den krasse Rabbiner eingeführt haben" (II, 1, 144), und fühlte überall „Mangel an fester Ordnung und systematischem Gange, überall auffallenden Kontrast mit der Kultur des Jahrhunderts" (II, 1, 416); denn „was in anderen wohl eingerichteten Schulen Plan, Ordnung und Methode erleichtert, das müsse den armen israelitischen Kindern Rute, Stöße, Ohrfeigen und andere probate Mittel des Meisters Arbilius ersetzen" (I, 2, 237). An die Stelle der durch die äußere Judennot entarteten Methode tritt jetzt die naturgemäße Erziehung56). Sie beherrscht als pädagogisches Prinzip das ausgehende 18., das 19. und 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ist ebenso wie die natürliche Religion das legitime Kind der Aufklärung und ihrer Forderungen: Freiheit und Natürlichkeit. Rousseau, Basedow, Pestalozzi und Jean Paul sind die Träger der neuen Bewegung. Ihre Namen und ihre Hauptwerke (Emile, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt und Levana) werden oft zitiert. Durch ihren Einfluß wird das Wort aus den Sprüchen 22, 6, „Erziehe den Knaben gemäß seiner Art", zum Motto der pädagogischen Reform innerhalb des jüdischen Kreises. „Denn der Mensch erkennt nicht den Wert einer Wahrheit, die man ihm aufdrängt, da er sie noch nicht zu würdigen versteht. . . . Stets der Natur gemäß! Das ist und muß die Regel des wahren Erziehers sein. Suche ihren Gang weder zu befördern noch zu verspäten, aber die 53) Auch hierzu boten die Meaßfim ein Vorbild. Schon Wessely z. B. hatte Gedichte auf Joseph II. und Friedrich d. G. gemacht. Vgl. V, 1, 358; I, 2, 164ff.; VI, 2, 318ff. 55) Vgl. z. B. Euchel im Meaßef 1787, S. 117. 56) Die alten Lehrhäuser von Dessau und Wolfenbüttel werden, teilweise auf Regierungsbeschluß, den neuen Schulen einverleibt. (Vgl. VII, 1,. 143). 210