Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" auch in ganz kurzen Notizen über das Stattfinden der Rabbinerversammlungen, aber er greift nicht mehr in die Auseinandersetzung ein. Kampfmüde, skeptisch und wohl auch ratlos gegenüber den neuen Prinzipien, mit denen man sich Thora und Tradition gegenüberstellt, ist er in dem zur Provinz herabsinkendem Dessau alt und einsam geworden und hat die Vielheit religiöser Gedanken und Gefühle aus Vergangenheit und Gegenwart, aus der Kultur seines Volkes und der der Umwelt nicht mehr zu einer Einheit zu gestalten und so das Gesicht seiner Zeitschrift endgültig zu prägen vermocht. Die Bedeutung des hebräischen Teils der Sulamith für unseren Zusammenhang ist nach Inhalt und Umfang sehr gering und im Grunde nur ein mitgeschleppter Überrest aus der Zeit der Meaßefim. Das erste in ihr veröffentlichte hebräische Gedicht ist von S. J. Cohen und stellt die Einleitung zu seinen „matae kedem 'al 'admath zafon" dar (1,1, 419 ff.). Klopstock hatte seinen Messias geschrieben, Wessely, wahrscheinlich angeregt durch Herder, seine Mosaide (shire tif'ereth); Cohens Werk hatte den deutschen Titel die Abrahamide. Es ist bezeichnend, daß hier bei aller Oberlieferungstreue Abraham nicht in erster Linie Träger einer Gottes Offenbarung ist, sondern derjenige, der die Finsternis, die die Welt damals bedeckte, aufhellt durch die „shemesh chochmah", durch die Sonne der Vernunft, wir dürfen fast übersetzen, der Aufklärung. Seine Weisheit erkannte den Gott der Wahrheit. Die Vorherrschaft der Ratio begegnet uns hier also genau so wie in den deutschen Aufsätzen der Sulamith. Als verehrter und hervorragendster Vertreter der jüdischen Aufklärung hat Mendelssohn seinen Platz auch in der hebräischen Sulamith erhalten. David Caro hat ihm ein hebräisches Lobgedicht geschrieben. Es führt den Titel „3 Säulen Jeschuruns" und stellt Mosche Ben Menachem neben Mosche Ben Amram und Mosche Ben Maimon. Es schließt mit einer feinen Anspielung auf die Werke Mendelssohns: „Ki theze thorah mifedon umo'ade shachar udevar hashem mirushalayim" (V, 1, 278). Caro konnte in einer angefügten hebräischen Erklärung die kühne Umwandlung des Satzes „Von Zion geht die Lehre aus" mit der Begründung rechtfertigen, daß der Phaidon von der Unsterblichkeit der Seele, die „Morgenstunden" von der Existenz Gottes und „Jerusalem" vom geoffenbarten Gesetz handeln. Nach der Tradition der Meaßefim, die Gedichte zeitgenössischer deutscher und englischer Dichter, z. B. Geßners, Hallers und Youngs ins Hebräische übersetzten, brachte auch die Sulamith Übertragungen von Schillers „Hoffnung" und Byron's „On the day of the destruction ot Jerusalem by Titus". Sie bilden jedoch keinen wesentlichen Bestandteil der Zeitschrift mehr; denn die hebräische Sprache hatte in Deutschland aufgehört, Vermittlerin europäischer Kultur zu sein. Eher hat sie noch ihren Ort in der gelehrten Korrespondenz und in Anfragen spezifisch jüdischen Inhalts. So will z. B. ein ungenannter Briefschreiber beantwortet wissen, warum wir nicht sefardisch beten, seit wann wir eine so „verderbte" Aussprache haben und warum sich niemand findet, der sich im jüdischen Volk wieder für eine reine einheitliche Sprache einsetzt. Der Verfasser dieses Briefes gibt seiner Verwunderung auch darüber Ausdruck, daß man in manchen Ländern zu einer Zeit um Regen bittet, die zwar für Palästina, nicht aber für Länder mit völlig anderen klimatischen Verhältnissen passe. Ein anderes, ebenfalls anonymes Schreiben enthält einen Bericht über die Volksstimmung, die sich gegen den Schreiber richtete, weil er in Beziehung zu zwei Karäern stand. Er rechtfertigt sich unter Berufung auf seine Frömmigkeit, — er beachte streng die Mizwoth und bestimme für jeden Tag eine Zeit für Thora, Mischnah und Gemara — und stützt sich auf die Autorität des Maimonides, der erlaubt habe, sie zu grüßen, in ihre Häuser zu gehen, ihre Söhne zu beschneiden usw.; der Schulchan Aruch verbiete nur, sich auf sie in bezug auf ihre Zeugenaussage und auf ihre Zuverlässigkeit beim Schächten zu verlassen; es sei Hoffnung, daß sie wieder einmal mit der Gesamtheit der jüdischen Nation eins würden (V, 1, 210 rf.). 14 209