Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" schritt bringt daher zuerst die wichtigsten Verordnungen und Aktenstücke des Konsistoriums46). Interessant ist die Darstellung der gottesdienstlichen Reform, wie sie sich in Verfolg der Arbeit des Konsistoriums ergab. So erfahren wir von der Einrichtung des ersten Jugendgottesdienstes47) in der 1809 in Kassel errichteten Schule, bei dem am Sabbatnachmittag vor dem Minchagebet eines der Mitglieder des Konsistoriums, sehr oft der Präsident Jacobson selbst, eine Rede hält. „Ihre Tendenz besteht darin, den Kindern über die wichtigsten religiösen und moralischen Gegenstände Aufschluß zu geben und die anwesenden Eltern zugleich von den religiös-moralischen Absichten des Konsistoriums desto mehr zu überzeugen" (III, 1, 9 ff.). Die Gebete werden abgekürzt verrichtet, abwechselnd in hebräischer und deutscher48) Sprache. Die Schemoneh Essreh wird nur einmal laut vor- und leise nachgebetet. Die Bibel wird hebräisch ohne „Trop" und gleich darauf deutsch aus der Mendelssohnschen Übersetzung vorgelesen. Die Ankündigung eines neuen Monats geschieht in deutscher Sprache. Mit diesen Neuerungen für den Jugendgottesdienst sind die späteren Änderungen des Ritus für den allgemeinen Gottesdienst angebahnt. In Kassel fand auch 1810 in der Schulsynagoge die erste öffentliche Konfirmation mit Choralgesang und Instrumentalmusik „auf eine sehr feierliche Art in Gegenwart des Rabbiners statt"49). Die in der Sulamith dargestellte Form der im jüdischen Kreis bisher unbekannten Einrichtung fand bald an vielen Orten Nachahmung50). Ja, in Dessau wurde 1821 sogar durch herzoglichen Erlaß den Ältesten der Gemeinde zur Pflicht gemacht, dafür zu sorgen, daß jeder Vater an den öffentlichen Konfirmationstagen seinen Sohn in der Synagoge über die Grundsätze und Lehren der Religion befragen und prüfen lasse. Offenbar beeilte man sich bei den „Altfrommen" nicht genug, neue Formen einzuführen. - David Frankel empfand die Konfirmation als eine so schöne Bereicherung des gottesdienstlichen Lebens, daß er von jeder Gemeinde berichtet, die sie bei sich aufnimmt. So schreibt er von Berlin, Strelitz, Hamburg, Uhlfeld, Regensburg, Landsberg und Frankfurt a. M. Dabei ist für den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Religion auffällig, daß die ersten Konfirmationen bei reichen Leuten stattfanden, z. B. bei Bankier Flersheim, Hoffaktor Guggenheim und bei Jacobson. Auch die erste von Dr. Kley vollzogene Mädcheneinsegnung, die 1817 im Beerschen Tempel in Berlin stattfand, wird mit Begeisterung beschrieben und zur Nachahmung empfohlen. „Eine Versammlung von 400 Personen, soviel der Tempel nur fassen konnte, zerfloß sozusagen in Tränen" (V, 1, 279). Dasselbe geschah dann auch in Hamburg, als Dr. Kley dort die Mädchen einsegnete: „. . . Die konfirmierten Mädchen waren an diesem Tage die glücklichsten Sterblichen auf Erden. Es war eins der schönsten Feste, das die Menschheit und das Judentum feiern konnte." Die stärkste Resonanz fand in der Sulamith die Einweihung des 1810 durch Jacobson in Seesen gegründeten Tempels. Wenn auch die Nachahmung des Glockengeläutes durch einen glücklichen Instinkt allgemein vermieden wurde, so blieben doch seine Einrichtungen, vor «) Vgl. z.B. II, 1, 3—11; II, 2, 296—326. ) Vgl. die Anregung von Andachtsstunden für höhere Töchter durch Oberlehrer Hess am Philanthropin III, 2, 185. 48) An anderer Stelle (IV, 1, 395) wird eine bezeichnende Begründung für die Einführung des Deutschen als Gebetssprache gegeben: „Das Beten in der Landessprache wird von großem Einfluß auf die sittliche Bildung der Israeliten sein. Sie werden dann mehr Fleiß und Eifer auf die deutsche Sprache verwenden, und sie wird in ihrem Lektionsplan eine bedeutende Stelle einnehmen." 49) Vgl. III, 1, 11, 12; VIII, 1, 279. Vorher fanden in Dessau bereits hier und da Konfirmationen in Privathäusern statt (V, 2, 398). 50) Auch die durch das Konsistorium angeregte Veränderung der Trauungsfeierlichkeiten — sie fanden nicht mehr wie bisher unter freiem Himmel, sondern in der Synagoge oder im Haus statt — werden von der Sulamith auf das wärmste befürwortet und so in weiteren Kreisen verbreitet. 207