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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 206

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" tung dieser Tatsache voll bewußt. Er wird nicht müde, immer wieder Reden zu Feiertagen, Trauungen, Konfirmationen und Totengedenkfeiern in der Sulamith zu veröffentlichen. Und in den letzten beiden Bänden (VIII, 279; IX, 49) erzählt er mit Stolz, daß die ersten deutschen Reden im Jahre 1808 in den Gemeinden Kassel und Dessau durch Cohn und Jacobson bzw. durch Wolf gehalten wurden. Vorher war im allgemeinen nur zweimal im Jahr, am Schabbath Schuwah und am Schabbath HagadoL, in den Synagogen gepredigt worden und auch dann nicht in der Form, in der es heute geschieht, sondern der Rabbiner hielt einen Vortrag über ein schwieriges halachisches Problem, der zur heftigen Diskussion werden konnte, wenn die gelehrten Mitglieder der Gemeinde nicht mit den Schlüssen des Rabbiners übereinstimmten (vgl. IV, 2, 241—254). Die „Draschah" ist sicher zuweilen zu bloßem Spiel des Scharfsinns geworden, aber ihr Sinn sollte im gemeinsamen Lernen mit ebenbürtigen Partnern und in der Erweckung des allgemeinen Eifers für das Gesetz liegen. Die Aufgabe der neuen Predigt ist die Erbauung und die allgemein religiös-moralische Belehrung. Sie wandte sich vor allem an die, die gründliche talmudische Kenntnis nicht mehr hatten oder nicht mehr haben wollten. Das Wort Erbauung ist heute durch Abnutzung und Mißbrauch so totgehetzt, daß es schwer ist, ihm gegenüber Objektivität zu wahren. Gemeint war mit ihm im jüdischen und im christlichen Kreis, in dem ja dieser Begriff entstanden ist, die Belebung der Herzen zu Liebe und Ehrfurcht vor Gott durch Hinführung zum Verständnis des einfachen Wortsinns der Bibel. Die Sulamith gibt an zwei Stellen Anweisungen zur Methodik der Predigt (IV, 2, 241—254; VI, 1, 291—298, 363—366) und fordert für sie vor allem Einfachheit, Popularität und Herzlichkeit der Empfindung. Aber schon in dieser Zeitschrift zeigt sich, wie aus Einfachheit Plattheit und Gemeinplatz, aus Herzlichkeit und Ergriffenheit hohles Pathos und Schwulst werden44). Hier wird zum erstenmal der Begriff „salbungsvoll" als ein Wert eingeführt. Hier wird erstmalig die Fiktion der „andächtigen Freunde und Zuhörer" gemacht (VI, 1, 400; IV, 2, 346), und hier werden zum erstenmal Besprechungen von Predigten abgedruckt, die ihren Maßstab der Theaterkritik entnehmen. So heißt es z. B. bei der Würdigung der Ansprache des Rabbiners zur Einweihung der neuen Synagoge in Wien im April 1826: „Der deutsche Ausdruck des Redners war rein, ungekünstelt, kräftig, die Aussprache richtig, die Stimme stark und biegsam, die Betonung gefühlt und dem Ganzen angemessen (VII, 1, 274). Die Entwicklung der Predigt in der Landessprache, wie sie im 19. Jahrhundert in Europa und Amerika statt hatte, geht also von der regen Propagandatätigkeit der Sulamith für das neue Erziehungsmittel aus. Die ersten berühmten deutschen Prediger stehen denn auch in enger Verbindung mit David Fränkel. Ihre Reden und deutschen Lieder erscheinen in der Sulamith45) und, soweit sie als Bücher vorliegen, werden sie in den Literaturhinweisen erwähnt. Die Beziehung zu den Predigern des Hamburger Tempels, besonders zu Dr. Salomon, der ja vorher Lehrer an der Fränkelschen Schule in Dessau war, ermöglichen der Sulamith eine genaue Berichterstattung über den Fortschritt der Reformbewegung, die als Organisation schon 1808 vom Kgl. Westfälischen Konsistorium der Israeliten ausgegangen war und an der Fränkel von vornherein an führender Stelle beteiligt war. Er war, wie schon bemerkt, von Jacobson als Konsistorialrat nach Kassel berufen worden. Seine Zeitagoge hielt. Diese Predigten endigten noch mit „Es wird für Zion der Erlöser kommen". Vgl. Geiger II, S. 127—129. 44) Vgl. eine für einen „Konfirmanden" angefertigte Ansprache, in der von blumichten Auen der Kindheit, vom Sonnentempel der Unsterblichkeit und von lichten, von Sonnenglanz umflossenen Sternen die Rede ist (III, 1, 116—124). 45) Vgl. z. B. die Lieder von Dr. Kley, die in Reim gebrachte Predigten sind (VI, 2, 42). 206

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