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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 205

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 205 (sequence 13)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" rituelle Halachah fragte und sich nach seiner Entscheidung richtete. Im übrigen war er nur ein primus inter pares. Aber auch unter den „Laien" gab es nicht viele, die nicht wenigstens Prinzipien und Methoden rabbinischer Bildung einmal kennengelernt hatten. Die Sulamith, und zwar einer ihrer christlichen Mitarbeiter, Dr. Richter, fordert zum erstenmal den jüdischen Theologen als einen besonderen Stand39). Was bisher Bildungsforderung für jeden Juden war, wird hiermit Reservat einer bestimmten Klasse. Und die hohe Tradition, die, ganz unabhängig vom künftigen Beruf, den talmid chacham als Bildungsziel aufstellte, erscheint als „sonderbare Grille, lauter jüdische Theologen zu bilden" (I, 1, 239). Und wie sollte der neue Rabbiner aussehen? Das Kgl. Westfälische Konsistorium hat in 21 Paragraphen sein Idealbild entworfen. Da steht als erste Forderung der streng sittliche Lebenswandel. Als ob die alten Rabbiner alle einen unsittlichen Lebenswandel geführt hätten! Und als ob das Moralische eine Sonderforderung nur für diesen Beruf wäre! An zweiter Stelle steht die Aufsicht über Religionsangelegenheiten und über Kirchenwesen. Dann soll der Rabbiner die einzelnen Glieder seiner Gemeinde in ihren religiösen Angelegenheiten unterstützen, die Kranken und Leidenden trösten und von Zeit zu Zeit seine Gemeinde durch Gelegenheitsreden „erbauen". Eine Reihe von Bestimmungen weist darauf hin, daß er die Mitglieder seiner Gemeinde zu treuen Dienern des Staates zu erziehen hat. So muß er im Sinne der Forderungen Napoleons u. a. den Militärdienst als eine heilige Pflicht darstellen. Ihm untersteht die Kontrolle über das Schulwesen und die Wohlfahrtseinrichtungen. Er muß die Jugend zur „Konfirmation" vorbereiten. Und er hat schließlich sein vorzügliches Augenmerk darauf zu richten, daß allgemein die Wahrheit anerkannt werde, daß alle Religionen, die ein ewiges Wesen verehren, im Grunde nur Schwestern, alle Menschen aber Kinder Eines Vaters sind (II, 2, 300—305). Und das rabbinische Wissen und die Pflicht, es zu überliefern? Davon steht nichts in den Pflichten des Rabbiners. An einer anderen Stelle der Zeitschrift (II, 2, 388 ff.) wird die Frage in einer Anmerkung berührt. Da wird vorgeschlagen, daß man die Mischneh thora des Maimonides der Ausbildung zugrundelegen soll, während dem Talmud nur „zur Übung des Scharfsinns und des Witzes" ein Platz angewiesen wird40). „Denn sollen von nun an die Rabbiner auch wissenschaftlich41) gebildet werden und dennoch die großen Folianten des Talmud und noch außer ihnen den wohlbekannten, aus vier extendierten Teilen bestehenden Corpus juris (Schulchan aruch) durchstudieren, so wird doch wohl jeder eingestehen, daß jeder Rabbiner wenigstens die Hälfte von Methusalems Jahren erleben oder ein Genie erster Größe sein muß. Hier liegt in der Tat ein schweres, bis heute ungelöstes Problem, das freilich weder durch ehrfurchtslose Entthronung der mündlichen Lehre noch durch hochmütige Leugnung der Wissenschaft aus der Welt geschafft wird. Die Aufgaben des neuen Rabbiners entsprechen den oben skizzierten, durch Aufklärung und Emanzipationsstreben bewirkten Wandel des religiösen Bewußtseins. Der Rabbiner soll nicht mehr sein ganzes Leben dem Studium des Besonderen, des als Sophistik und Dialektik empfundenen Talmud widmen12), sondern sich und seiner Gemeinde den Zugang zur Welt öffnen. Das stärkste Mittel, in die Gemeinden den neuen Geist hineinzutragen, war die deutsche Predigt43). Frankel ist sich der Bedeu- 3») Vgl. 1,1,207. 40) Tatsächlich hat Rabbiner Steinhardt in dem durch das Konsistorium errichteten Seminar im Jahre 1810 einen auf diese Prinzipien sich gründenden Unterricht begonnen. Aber durch den Zusammenbruch des Königreichs Westfalen wurde das Konsistorium aufgelöst, und man kam über erste Anfänge nicht hinaus. Vgl. Lazarus a. a. O., S. 201 ff. Ein Ersatz für die Mischneh torah wird als Chossen moshe, III, 1, 354, angezeigt. sehen Forderung einer wissenschaftlichen Theologie. 42) Vgl. zur Beurteilung des Talmuds: II, 1, 337; VI, 2, 419; VIII, 1, 347; aber IV, 2, 370: „Der Talmud ein reiches Magazin für Verstand und Herz." 43) Vorher hatte Mendelssohn drei Predigten über den Sieg bei Roßbach und bei Leuthen und den Hubertusburger Frieden gemacht, die dann David Fränkel, der Lehrer Mendelssohns und Großonkel unseres David Fränkel, in der Syn- «) Wir haben Vorformulierung der Geiger- 205

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