Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2259275-2259308-2259312-2262938--5050-2262985- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Meinung für die Erfassungseiner Persönlichkeit und seines Werkes unerheblich waren. Sie glaubten, das Christentum zu vergrößern, es zentraler und endgültiger zu machen, wenn sie es mit dem Begriff der Humanität zur Deckung brachten. Alles, was dieser Deckung widerstrebte, wurde als „Hülle, Schale, Mantel und Schlaube" aus jenem selbstgesetzten Wesensbegriff des Christentums fortgedeutet36). Diese Gedanken, auf den jüdischen Zusammenhang übertragen, finden sich auch bei dem Herausgeber und den Mitarbeitern der Sulamith. Auch sie trennen Gehalt und Gestalt, unterscheiden in Kern und Schale, in biblisches und talmudisches Judentum, in Mosaismus und entstellenden Judaismus. Allerdings zogen sie zunächst nur vorsichtige Konsequenzen aus ihren Theorien. Denn „die Zeremonie ist ein Vehikel dem schwachen Auge der großen Volksmasse, sie ist gleichsam der Kitt, der den schwächeren Teil an das Ganze knüpft und, aus diesem Gesichtspunkt betrachtet, nicht minder heilig"37). Vor allem aber ist man um den „Kern", den „reinen Mosaismus", bemüht. Man will ein Israelitentum im Sinne der Propheten lehren, „das, von dem einigen Allvater ausgehend, als eine Religion der inneren Heiligung und des Rechttuns den Menschen erhebt" (VI, 2, 38). In der Sorge um die Erhaltung des Kerns geht Fränkel sogar einmal so weit, daß er bei einer Besprechung einer Obadjaübersetzung des christlichen Theologen Justi auf dessen philologisch-kritische Methode hin anmerkt, daß diese und ähnliche Ansichten den kirchlichen Lehren und Grundsätzen des Judentums entgegen sind38). Allerdings ist auch die Treue zur schriftlichen Lehre nicht zum unbedingten, innezuhaltenden Prinzip erhoben, sondern alles ist in Bewegung. Geschätzte Mitarbeiter wie Lazarus Ben David haben längst den Glauben an den göttlichen Ursprung der Lehre aufgegeben. Mendelssohn forderte für den Staat Handlungen, für die Kirche Gesinnung. Seine Gesinnung, der Glaube an geoffenbartes, für alle Zeiten bis zum Abruf durch Gott gültiges Gesetz war Bürge genug seines jüdischen Tuns. Es ist eine bedeutsame geistesgeschichtliche Wandlung, wenn sich Inspektor Neumann aus Breslau ausdrücklich auf ihn und seine Lehre vom Verhältnis zwischen Staat und Kirche berief und dennoch behaupten zu können meinte: „Kirchliche Gebräuche müssen ihre Zeit haben, müssen veränderlich sein, nach Zeit und Umständen und die Gestalten aller Jahrhunderte annehmen." Die Bräuche des Judentums — im weitesten Sinne des Wortes — haben sich im 19. Jahrhundert geändert, und zwar nicht nur bei denen, die die Bindungen an das Gesetz aus Überzeugung oder Bequemlichkeit ablegten, sondern auch bei denen, die in bewußter Treue oder in Gewöhnung an liebgewordene Formen Gebote und Verbote der mündlichen und schriftlichen Lehre beobachteten. Die Sulamith hat an diesen Veränderungen einen bedeutenden Anteil. Sie stellte zum ersten Male neue Forderungen für die Aufgaben des Rabbiners und seine Ausbildung; durch ihn sollten die eingeführten Änderungen autoritative Kraft erhalten. Sie druckte die ersten deutschen Predigten ab, die in den Synagogen von Lehrern, Rabbinern oder auch von maßgebenden Persönlichkeiten, wie Jacobson, gehalten wurden. Sie brachte schließlich eingehende Berichte über die ersten Reformen im Gottesdienst und im Privatleben. Bisher unterschied sich der Rabbiner von den anderen Gelehrten seiner Gemeinde nur dadurch, daß man ihn im Zweifelsfall um die juristische oder 3«) Vgl. Dorne a.a.O., S.35ff. 37) Weitere z. T. recht warme Äußerungen für Wahrung der religiösen Formen vgl. I, 2, 32; II, 1, 190—197 (Fränkel tritt dafür ein, an den Halbfeiertagen wegen der Innehaltung des Friedens in einer Gemeinde den Bart nicht zu scheren), IV, 1, 401 ff.; IV, 2, 257 ff. (enthält das bekannte „Sendschreiben an meine Glaubensgenossen in Hamburg" von J. L. Riesser), IV, 1, 83ff.; VI, 2, 282. 3S) Vgl. die Anerkennung Fränkels dafür, daß die Bibelübersetzung Johlsons am massoretischen Text festhält (VIII, 1, 54). 204