Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Zeitschrift "Sulamith"
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulamith" Ja, „in der Sonnennähe der Vernunft konnte man einsehen lernen, daß es nur eine wahre Religion gibt, wie nur eine Menschheit und ein Gott ist, und daß alle Religionen nur Formen dieser einen sind" (vgl. III, 1, 348 und I, 1, 26). „Darum gibt es für alle keinen höheren Ruhm als den, ein Mensch zu sein und keinen schöneren Namen, der uns wahrhaft ehrt, als der Name Mensch"32). Es nimmt unter solchen Voraussetzungen nicht Wunder, daß die Idee der Religion überhaupt für entbehrlich gehalten wird, weil man sich „ein tugendhaftes Menschengeschlecht auch ohne sie denken kann, wenn sich auch die Menschen in ihrem gegenwärtigen Zustand noch nicht bis zu dem Ideal der reinen Sittlichkeit erhoben haben" (II, 2, 107). Die Einsetzung von Religion, Ethik und natürlicher Vernunft ergreift auch den Messiasglauben. Ein Gedicht des Rabbiners Dr. Frevstadt legt davon Zeugnis ab (VIII, 1, 223ff): „Wenn spät in Tagen strenges Recht regiert, im Juden man den Bruder nur verehret und Bildung und Gewissensfreiheit nähret, dann ist auch das Erlösungswerk vollführt, dann hat Vernunft die Fessel uns genommen, Messias ist als Friedensfürst gekommen"33). Mit Eifer weiß man Stellen aus der jüdischen Überlieferung zu finden, die sich einer solchen Rationalisierung einfügen, verschweigt jedoch geflissentlich alles, was dem vorgestellten Bilde widerspricht34). Häufig war die neue Religiosität Ausdruck eines echten Erlebnisses und Folge einer inneren Umwertung der Werte. Fest steht jedoch, daß eine Reihe der bedeutendsten Wortführer der Reform sich von durchaus außerreligiösen Momenten in ihrer Zielsetzung mitbestimmen ließ. Wir sehen das mit peinlicher Deutlichkeit, wenn etwa Jacobson am Schluß seiner Rede anläßlich der Einweihung des Seesener Tempels zu dem geladenen christlichen Publikum sagt: „Weit entfernt, meine Brüder (die Juden) kalt zu empfangen oder gar zurückzustoßen, werden Sie (die Christen) uns liebevoll in ihre Gesellschafts¬ und Geschäfts-Kreise aufnehmen. Sie werden uns zu der Annäherung, wozu ich hier einige Ideen niedergelegt und zum Teil diesem Tempel geweiht habe, sorgsam die Hand reichen" (III, 1, 315). Hier kommt die Religion, die an anderer Stelle als höchste Glückseligkeit und süßester Genuß bezeichnet wird, in bedenkliche Nachbarschaft mit ganz persönlichen Hoffnungen und Zielen. Schwerlich wird auch jemand in der ständigen Furcht, durch die Beachtung des eigenen Gesetzes sich „in den Augen anderer lächerlich zu machen und den christlichen Freunden anstößig zu werden", (vgl. II, 2, 3°; III, 1,315) ein Zeichen wahrhafter Frömmigkeit sehen35). Neben Tendenzen, die in ihrer Konsequenz zu einem Judentum Holdheimscher Richtung, wenn nicht überhaupt zu seiner Auflösung hinführen, findet sich — bezeichnend genug für die prinzipielle Unsicherheit dieser Generation — teilweise bei denselben Autoren eine Reihe von Stellen, die mehr oder minder zu Tradition und Geschichte zurückweisen. Diese Tatsache erhellt von neuem den engen Zusammenhang mit der deutschen Geistesgeschichte. Auch die aufsehenerregenden theologischen Schriften Lessings und Herders, vor allem „die Erziehung des Menschengeschlechts" und die „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit", hatten ja nicht versucht, das Andenken Jesu zu tilgen oder seine Bedeutung als Menschensohn herabzusetzen. Sie haben nur die Dogmen beiseite gerückt, die nach ihrer 32) Vgl. VI, 2, 323; vgL ferner III, 1, 3; III, 2, 129 und VI, 1, 390. 33) Diese Verse sind allerdings nur ein Schatten dessen, was Friedländer schon 1812 in einer anonymen Schrift „Über die neue Organisation der Judenschaft in den preußischen Staaten" folgendermaßen formulierte: „Nicht um Wiederherstellung des jüdischen Rechts wird der Jude fernerhin flehen, sondern um Erhaltung und Flor seines preußischen Vaterlandes, nicht um seinen Messias, sondern für seinen König." Vgl. Ludwig Geiger, Geschichte der Juden Berlins, Berlin 1871, Bd. II, S. 224. 34) Vgl. I, 1, 341 ff.; III, 2, 134. 35) Über die Zusammenhange zwischen religiöser Reform und dem Streben, durch gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anschluß an die Umwelt zur Emanzipation zu gelangen, s. weiter unten S. 207, 211, 220—23. 203