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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1937-01-01 · Heft 4 · p. Seite 202

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1937
Issue
Heft 4
Article
Die Zeitschrift "Sulamith"
Date
1937-01-01
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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Siegfried Stein. Die Zeitschrift „Sulatnith" den ewigen Wahrheiten, die Vernunft und Offenbarung predigen. Außer ihnen liegt das Wesen der Religion hauptsächlich in dem allen Menschen eingepflanzten Sittengesetz (I, 1, 303)26). An Sprache und Begriffe Schleiermachers erinnert eine Rede Salomons, die er im April 1810 bei Gelegenheit des öffentlichen Examens in der Dessauer Haupt- und Freischule gehalten hat (III, 1, 194): „Was ist Religion? O, könnt ich einem jeden antworten: Empfinde es, fühle es, im inneren Herzen, denn nicht durch Zeichnen kann ich das Nichtzuzeichnende, nicht durch Namen das Unnennbare verkünden." In solchen Worten scheint die Vernunftseeligkeit der Aufklärung überwunden; in Wirklichkeit aber blieb, wie wir bereits an anderer Stelle (S. 13) sehen konnten, auch für Salomon als Inhalt nur die natürliche Religion, Glaube an Gott und an ein zweites Universum bestehen. Als „Zwillingsschwester der Moral" führte sie nicht über die Grenzen des Rationalismus hinaus27). Im Anschluß an Herders Auffassung über das Urchristentum als Religion der Humanität wird der „wahre" Geist des Judentums als der Geist der Gerechtigkeit und Humanität28) aufgefaßt (II, 1, 114), ohne der geschichtlichen Erscheinung des Judentums gerecht zu werden, das doch zweifellos nicht nur als geoffenbarte Menschheitsethik, sondern auch als geoffenbartes Judengesetz mit einer Fülle sehr konkreter Forderungen überliefert ist. Wollte man das Judentum nur aus der Sulamith kennen lernen, so könnte man wirklich meinen, es sei durch nichts anderes zu charakterisieren als durch Duldung und Toleranz und jene immer wieder zitierte Antwort, die Hillel dem Proselyten gab, als er, auf einem Fuß stehend, den Kern des ganzen Judentums erfahren wollte29). Noch nie seit Entstehung des Christentums fühlte man so sehr das Bedürfnis, die Forderungen der jüdischen Überlieferung in bezug auf allgemeine Nächstenliebe und Gerechtigkeit gesondert darzulegen und unter Beweis zu stellen wie damals. Man hoffte, daß die „Sonne der Aufklärung" das alte an den Juden verübte Unrecht „wegschmelzen" würde, und wollte zeigen, daß seine Lehre der Aufnahme in den Bund der großen Menschheit würdig sei. Apologetische, hebräische und deutsche Aufsätze sind dem Nachweis gewidmet, daß auch das Judentum eine Religion der Liebe sei110). Die Betonung dessen, was allen Religionen gemeinsam ist, führte ebenso wie im Christentum zu einer Verwischung der spezifischen Glaubensinhalte und Tatansprüche. Man stellte — sicher oft in ehrlicher Überzeugung — fest, daß der Unterschied zwischen aufgeklärten Juden und Christen nicht so groß sei, als gewöhnlich dafür gehalten werde, und man glaubte die Zeit schon nahe, von der der Prophet Zephania verkündigt hatte: „ich wandle die Sprache der Völker in eine deutliche um, daß alle den Namen des Ewigen anbeten, alle ihn einmütig verehren mögen"31). 26) Vgl. I, 1, 211; I, 2, 202; II, 2, 109; I, 2, 249 ff.; I, 1, 122; II, 2, 100; V, 1, 32 unterwirft die Religion sogar ausdrücklich dem Gesetz der Vernunft als ihrer höchsten Richterin. 27) Vgl. auch I, 1, 314ff.; V, 1, 32. 28) Auch der Zusatz zum Titel der Zeitschrift: Zur Beförderung der Kultur und Humanität unter den Israeliten ist Herders Briefen zur Beförderung der Humanität entlehnt. Wie sehr die Zeitschrift den Gedanken der Identität von Religion und Liebe oder Humanität sich zueignete, zeigen auch die ausführlich zusammengestellten Zitate Pestalozzis über Religion IV, 1, 171 ff.; vgl. ferner I, 1, 18, 127. 29) VgL I, 1, 118, 383; III, 2, 366: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Dies ist der Text, alles übrige ist Kommentar. 30) VgL den Aufsatz Frankels I, 1, 386 ff. und den hebräischen Brief seines Vaters I, 1, 492—96; II, 2, 137—144. 31) Vgl. II, 2, 337 und I, 1, 473. 202

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